Winterraumgeschichten

Im Zuge unsrer alljährigen Winterraumtour im Herbst hatten wir (Henry - der Wessi und hauptsächlich ich) uns diesmal ein Ziel in den Ostalpen ausgekuckt: Die Welser Hütte im Toten Gebirge. Der AV-Hüttenführer schreibt dazu: Zustieg vom Almtalerhaus, 1100m Höhenunterschied, 3 Stunden. Winterraum mit 20 Plätzen, offen, Selbstversorger...


Der Dritte im Bunde war diesmal Pjotr, den wir mit schönen Wanderungen und "niedrigen" Bergen geködert hatten. Wir trafen uns am frühen Nachmittag des 06.10.1995 am Parkplatz Jägersimmerl und mussten zu unserem Erstaunen feststellen, dass die Straße zum Almtalerhaus gerade in dieser Woche wegen irgendwelcher Jagd- oder Forstmaßnahmen gesperrt war.
Egal, die paar Kilometer extra schaffen wir auch noch...
Ich ahnte schon Böses, als ich Stunden später um das Almtalerhaus herumschlich und den im AV-Hüttenführer als angeblich mit AV-Schlüssel zugänglichen Winterraum suchte und nicht fand - kein Hinweis bzw. ein Schloss wo der riesige Winterraumschlüssel, den ich mir vorsichtshalber gegen Kaution beim SBB ausgeliehen hatte, passte.
Als Organisator dieser Tour verbot ich mir allerdings selber den Gedanken, dass es durch den zusätzlichen Anmarsch viel zu spät zum Aufstieg zur Welser Hütte sei, und so stiefelten wir tapfer weiter...
Die 1100 Höhenmeter waren eine fürchterliche Tortur, der AV-Führer schreibt sinngemäß: Durch den Wald empor und anstrengend über Geröll zur Hütte... Der Anstieg durch den Wald war für uns schon das Limit, fürchterlich steil ging es in kurzen Kehren empor, nahezu senkrecht über uns sah man die nächsten Farbmarkierungen an den Bäumen oberhalb. An der Waldgrenze angekommen, war es schon recht duster und der anstrengende Geröllabschnitt sollte erst noch kommen...
Ich, als "Organisator", wollte mir natürlich keine Blöße geben und eilte immer mal ein Stück voraus, um dann wieder zu warten: "...ich konnte ja nicht ahnen, dass ihr so schwach seid..", aber eigentlich war mir von der Hetzerei kotzübel...
Als Erster wurde Henry sauer: "Ich lege mich diese Nacht einfach hier in die Latschenkiefern, ich kann nicht mehr..."
"Komm Alter, es sind doch höchstens noch 200 Höhenmeter, d.h. eine halbe Stunde, dann sind wir an der Hütte, da musst du doch nicht hier im Geröll pennen..."
5 Minuten Pause, ein Stück Traubenzucker und Henry läuft weiter.
Ich stürme voraus, um dem Zorn meiner Sportfreunde zu entgehen, werfe meinen Rucksack vor die Hütte und renne wieder runter - es ist inzwischen so ziemlich dunkel - als Erster kommt Henry: "...geht schon..., aber kuck mal nach Pjotr, der liegt irgendwo..", also weiter runter, obwohl meine Waden inzwischen die Konsistenz eines Tischbeins haben: "Pjotr auf, wir sind gleich da ich nehme auch deinen Rucksack.."


Irgendwann saßen wir alle drei total platt vor der Hütte, es war finster. Wir hatten Hunger, Durst, waren müde und stellten wahrscheinlich die ganze Bergsteigerei in Frage.
Ich raffte mich auf, um den Winterraum zu suchen. Komisch, alle Türen waren zu. Na da wird wohl irgendwo der Winterraumschlüssel passen...
...denkste...
Die Bergfreunde waren glücklicherweise zu kaputt um mich auf der Stelle zu lynchen.
Hätte ich nicht viel Geld für den Schlüssel hinterlegt, ich hätte ihn im Hohen Bogen zu Tal befördert.. Später, wir hatten uns schon Plätze im Schotter vor der Hütte rausgesucht, trete ich noch mal mit aller Frust gegen die Eingangstür...und diese springt auf!
Auf dem Tisch innen lag ein Zettel: "Achtung, Tür klemmt !"...
Ich weiß nicht mehr, war es Wut, Frust, Erleichterung oder der nahe Kreislaufkollaps, jedenfalls standen mir Tränen in den Augen...

Th.(HO Pivo)

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