Wespen und Bier 

Achtung: Wegen des Verstoßes gegen die sächsischen Kletterregeln werden hier keine Namen genannt, sondern nur Synonyme. Es wirken mit:

Der Unbeirrte, der Regelkonforme, der Zögerliche und ich.

Anfang Oktober. Scheißwetter! Ein verregneter, kalter Vormittag mit langer Wanderung durch den Großen Zschand hatte unsere Kletterstimmung noch weit unter die tiefhängenden Regenwolken gedrückt. Mit nassen Haaren und hängenden Ohren waren wir anschließend in der Neumannmühle eingerückt, um unter dem Zeltdach auf der Terasse dem Getränkekonsum zu frönen, eingelullt vom ständigen Geprassel herabfallender Wassertropfen, Eicheln und Zweige. Aber nach einiger Zeit und einigen Bier lugte zwischen Felswand und Regendach ein Stück blauen Himmels hervor. Dass man sich Frauen schönsaufen kann, das wusste ich ja, aber dass es sogar mit dem Wetter funktioniert, das war mir neu.

Und nach einigen weiteren Getränken keimte die Hoffnung, dass man vielleicht doch heute noch was klettern könnte. Exponiert musste es stehen, so richtig im Wind, und südseitig, damit es hinreichend abgetrocknet wäre. Und in der Nähe musste es sein, damit Zufahrt und Anmarsch nicht das restliche Tageslicht verbrauchten. Der Unbeirrte als alter „Lougl“ (sächsisch für Local) schlug die Kleinsteinwand vor: nur wenig talaufwärts fahren, kurzer Anmarsch und eine Südseite voller Genusstouren. Der Regelkonforme maulte und war dagegen – es wäre ja doch viel zu nass, und die Einstiege wären unter Bäumen, die Gefahr des Griffausbruchs, die sächsischen Kletterregeln, und überhaupt und sowieso. Wahrscheinlich wollte er sich nicht wegen eines ungewissen Abenteuers vom lockenden Zapfhahn wegbewegen. Jedenfalls blieben der Regelkonforme und der Zögerliche bei den Getränken, während der Unbeirrte und ich zum Auto liefen um nach oben zu fahren. Nach dem Klettern (oder dessen baldigen Scheitern, wovon der Regelkonforme felsenfest überzeugt war), würden wir die beiden dann wieder vom Tresen abholen.

Als wir bei den Einstiegen ankamen, strahlte der obere Wandteil vor lauter Sonne und Trockenheit, und selbst die Einstiege waren nur ganz wenig schmierig. Ehrlich, nur ganz, ganz wenig! Jedenfalls hatten wir unsere helle Kletterfreude in der „Direkten Südwand“ und dem „Weg am Rande“. Dort waren ja auch im unteren Wandteil „ausbruchsichere“ Risse, was unser kletterethisches Gewissen mächtig beruhigte. Und oben war tatsächlich alles knochentrocken und fest – wie es der Unbeirrte vorausgesehen hatte.

Im Anschluss an die beiden Klettertouren stand die lange Wanderung zum Gipfelbuch an, die wir bei sonnig-friedlicher Stimmung ringsum genossen, dann seilten wir ab und trafen an der Ecke vom Sonnenwendweg unsere beiden Kameraden wieder, denen die Wartezeit in der Mühle dann doch zu lang und kalt geworden war und die durchfroren und frustriert zu Fuß zur Wand hinaufgelaufen waren. Ein seltsamer Ausdruck hatte sich ihrer Gesichter bemächtigt, und ihren belanglosen Fragen „Na, gings denn überhaupt“ und „Wars denn schön“? und dem kompletten Desinteresse an unserer euphorischen Antwort wohnte etwas Bedrohliches inne. Der Unbeirrte und ich machten uns nichts daraus, schließlich waren wir voller Schadenfreude wegen der gelungenen zwei Touren und marschierten weiter die Wand entlang, um unsere Sachen zu holen. Der Unbeirrte sah als erster, dass die Rucksäcke nicht mehr dort lagen, und er hatte auch sofort die beiden anderen in Verdacht:

„Die Hunde ham de Glamodden vorschdeggd, die wärn mer ni so leicht findn“. 

Es machte wenig Spaß, am Fuße der Kleinsteinwand in engen Kletterschuhen alle Absätze, Vorsprünge und Baumwurzeln zu überprüfen. Und es war auch erfolglos. Nach einer Weile schlichen wir also wieder zurück zu unseren Freunden, die uns mit fettem Grinsen erwarten und mit der Bemerkung „Wer bei solchen Verhältnissen klettert, muss ja irgendwie bestraft werden.“ Wir dagegen hatten unsere dicksten Schlingen mit großen Knoten versehen und zweckentfremdeten die Sicherungsmittel, indem wir sie auf die jetzt ihrerseits schadenfrohen Kameraden niedersausen ließen.  

„Wo sin de Ruggsägge, raus mit dor Schbrache!“ 

Sie zeigten es uns von unten: das Gepäck war ganz in der Nähe, auf dem kleinen Absatz am Einstieg des Märzwegs. Wir kletterten hoch und wollten uns oben umziehen, als der Unbeirrte auf einmal anfing zu schreien, zu fluchen und zu fuchteln: 

„Wäsbn, hier sin Wäsbn, sone Scheiße!“

 Ich hatte meinen Rucksack schon in der Hand, warf ihn kurzerhand vom Absatz und sprang hinterher in den Sand. Ich war gerettet, aber der Unbeirrte kämpfte oben immer noch mit den Insekten. Ich rief: 

„Wirf endlich den Rucksack herunter und komm!“

„Gehd ni, da sin zwee Bierflaschen drinne!“ 

Angespornt durch mehrere Stiche sprang er dann doch, ließ den Rucksack aber oben liegen. Es wäre ja auch schade um das Bier gewesen. Als er unten ankam, ließ er eine Schimpftirade los, die ich hier unmöglich wiedergeben kann. Wir entnahmen seinen Worten nur, dass ihm einige der Tierchen von unten in die Kletterhose gekrabbelt und seine Waden mit einigen Stichen verziert hatten, bevor er sie erschlagen konnte. Und dass er allergisch gegen Insektenstiche sei. Daraufhin wappnete sich der Regelkonforme (oder wars der Zögerliche? Ich weiß es nicht mehr) mit mehreren übereinander gezogenen Jacken und schnappte den Wespen, die sich inzwischen wieder beruhigt hatten, den Rucksack weg und brachte ihn, sich und den kostbare Inhalt unversehrt zu Boden.

Es wurde noch ein gesprächsreicher Abend. Zum Glück zeigte sich die allergische Reaktion des Unbeirrten nur ganz schwach – das verdankte er wohl auch seinem reichlichen Biergenuss, der sämtliche Allergene aus seinem Leib geschwemmt haben musste. 

S.

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