Am Waldtorwächter

waldi

Endlich wieder unterwegs! Endlich wieder nach Oybin! Wir waren den Zwängen der Arbeitswelt 
und der Fürsorge unserer Familien entronnen, um in der bizarren Felsenwelt des Zittauer Gebirges
zu klettern. Thomas, der noch nie zuvor im Sandstein war, hatte sich von mir überreden lassen.
Ich hatte ihn im Vorfeld mit sächsisch - historischer Bergsteigerliteratur überhäuft, und nun war er
voller angespannter Erwartung auf die Oberlausitzer Felsgebilde.

Beim Start in Thüringen waren uns der Regen und Dunkelheit zwei höchst unwillkommene Begleiter. Mit dem Morgen aber, als wir uns Sachsen näherten, wurde es hell und trocken. Hinter Dresden lugte sogar hin und wieder die Sonne durch und ermutigte uns zu hellen Freudenrufen. Als wir in Oybin einrollten sah alles ringsum sehr, sehr trocken aus, und das ist ja besonders im Sandstein ein Grund zur Freude.

Nun standen wir also im Oybiner Kessel, umgeben von den entzückendsten Felsen. Der Weg zum den ersten Kletterziel gestaltete sich denn auch erfreulich kurz, und nach wenigen Schritten standen wir vor unserem ersten Ziel: dem Jubiläumsturm. Um Thomas in die geheimen Freuden des Sandsteinkletterns einzuweihen, sollte die Ostkante begangen werden, denn sie bietet den ersten Ring in etwa 10m Höhe, nachdem man sich durch einen engen Kamin dorthin gewunden hat, um anschließend auf lustiger (luftiger) Reibungswand zum Gipfel zu schleichen. Soweit mein Plan. Und der verschwand mit Thomas auch sofort im Kamin, während ich erst mal den Rucksack in den weichen Sand plumpsen ließ.

 „ Der Kamin ist nass!“ hallte es hohl aus dem dunklen Schacht.

 „Erzähl nicht“, konterte ich, „hat doch seit Wochen nicht geregnet. Kann gar nicht nass sein.“

„Dann komm doch her und schau‘s dir an!“

 Klar, dachte ich, typisch Sandsteinneuling. Da ist vielleicht irgendwo ein Fleckchen Moos, und
er schreit gleich rum und kommt nicht klar. Im vollen Selbstbewusstsein meiner Erfahrung mit
diesen Dingen ging ich hin, um ihm mal eben am Einstieg vom Kamin zu zeigen, wie es geht. 

Okay, dachte ich, sieht von der Ferne wirklich ein bisschen grün aus, aber das stört doch nicht weiter.

 „Kann doch gar nicht so schlimm sein.“

sprach ich, und legte hinten den Rücken und vorne die Hand an den Fels. Und dort, wo die Hand auflag, war es feucht wie auf einer Wasserrutsche. Der Kamin war tatsächlich nass, sehr nass sogar. Patschnass – wenn man das Moos drückte, quollen die Tropfen hervor und ertränkten meine Zuversicht.

„Weißt du“ meinte ich nachdenklich und mit bedeutsamer Miene, “wir lassen das hier vielleicht doch erst mal und gehen weiter zum Waldi.“

 Beim Waldtorwächter war vor vielen Jahren, als ich ganz allein mit dem Klettern angefangen hatte, nie ein ernsthaftes Ziel gewesen. Zu hoch, zu glatt, zu schwer. Und für einen Einzelnen ohne Erfahrung, Partner und Ausrüstung wohl auch zu gefährlich. Für heute hatte ich die Südkombination VIIc ausgesucht, im Führer mit Sternchen, und nach allgemein akzeptierter Umrechnungstabelle eine schlappe 6+ UIAA, so was mach’ ich zu Hause in Thüringen mit verbundenen Augen. Kein Problem also, dachte ich.

 Während der üblichen Einstiegszeremonie musste ich meine freudige Erregung an Thomas abreagieren, und so bekam er wundervolle Vorträge über die Tradition und die Techniken des Kamin- und Risskletterns zu hören, über Knoten-, Sanduhr- und Lochschlingen. Über Art und Qualität von Ringen. Und einen kurzer Abriss der Geologie der Lausitzer Verwerfung, von Adam und Eva bis heute. Da Thomas ja bislang noch nicht im Sandstein geklettert war, konnte ihn das alles nicht abschrecken, lediglich die beängstigende Griffarmut an den runden Buckeln vor uns bescherte ihm eine gewisse Nachdenklichkeit.

Dem Führer zufolge ging das erste Stück des Weges über einen Riss zum Absatz. Also los! 4m Schulterriss – sollte doch gehen! Rechtes Bein rein, rechter Arm angewinkelt, pressen und --- wieder unten. Zweiter Versuch. Rechtes Bein, rechter Arm --- wieder nichts. Erste Zweifel keimten auf. Also umstellen, das Stück als Wand klettern. Dritter Versuch: Rechte Hand in kleine Mulde, linke Hand auf einen abschüssigen Aufleger. Antreten, und --- schon wieder unten. Die spinnen doch, die Sachsen! Thomas grinste hämisch. Ich riskierte, meinen Ruf zu verlieren!

Vierter Versuch. Doch wieder als Riss. Noch mal sauber klemmen (jedenfalls hielt ich das dafür), Füße in die Mulden und --- Hurra, ich hatte abgehoben! Die Füße waren 20 cm über dem Boden, nur der Kopf war überhaupt nicht höher gekommen. Und anstrengend war das! So muss sich ein Griechisch-Römisch-Spezialist im Bodenkampf fühlen, aber ich bin kein Ringer, und so ging mir denn auch bald die Kraft aus. Ein verzweifeltes Höherkrampfen des Armes bescherte mir zwar eine wenig kleidsame Schürfwunde am Ellenbogen, führte aber nur dazu, dass mich der Riss erneut seitlich ausspuckte. Genau in den gleichen Krater, den ich bei den vorigen Versuchen im Sand aufgeworfen hatte. Nur heftiger.

 Jetzt wurde ich zornig. Ich wollte da hoch! Okay, du blöder Riss, dachte ich, dann machen wir das eben ganz anders. Ich besah die Sache noch mal von der Ferne: auf den Absatz konnte man auch von links her aufsteigen, das war zwar der Einstieg für drei ganz andere Touren, aber das war mit jetzt egal. Also links rüber und über Reibung auf den Absatz geschlichen. Zwischendurch sogar noch einen Ring eingehängt – nach meinen lauten Bekenntnissen nur, um Thomas in der Querung einen Pendler zu ersparen, aber eigentlich doch zur Beruhigung meiner inzwischen reichlich angegriffenen Nerven. Und noch ein bisschen weiter nach rechts und ich stand über dem Schulterriss. Na also! Und da war auch der erste Ring, der wirklich zur Tour gehörte. Nun wird alles gut, meinte ich und kletterte fröhlich weiter, ein Stück genussreiche Wand hinauf und weiter auf den nächsten Absatz.

Vor mir öffnete sich bald der dunkle Schlund eines engen Kamins, aus dem sich ein breiter Sandstrom ergoss, der auf die Qualität des Gesteins schließen ließ. Der Kamin jedoch gehörte zur Tour, und so begann ich, mich darin empor zu stemmen. Der Ring unter mir war schon wieder ziemlich weit weg, und so drückte ich zur Nervenberuhigung noch eben schnell eine Schlinge in das Gestein, das hier die Konsistenz einer mehligen Kartoffel besaß. Nun aber gesellte sich zur Gravitation, dem ewigen Feind der Kletterer, noch deren bösartiger Spießgeselle hinzu – der Seilzug. Wegen meines Angstkarabiners in der Querung unten und der Schlinge am Anfang des Kamins musste das Seil über etliche Ecken und Sandsteinbuckel schlurfen und tat das wegen der sonst sehr willkommenen Reibung nur mit Widerwillen. Und so kämpfte ich mich langsam empor, gleichermaßen von Seil und Fels am Klettern behindert. Und legte in meiner Verzweiflung unterwegs noch einige Schlingen, denn dass man aus einem Kamin nicht rausfallen kann, gilt vielleicht nur für Sachsen, bei mir war ich da plötzlich nicht mehr so sicher.

Inzwischen hatte ein Wanderer, der uns am Wandfuß zusah, Thomas gefragt, ob wir denn wüssten, was wir da täten. Grinsend entgegnete der ihm:

„Ich nicht, der da oben schon.“

Leider konnte er mein Keuchen nicht hören und verharrte so in seiner Täuschung.

Endlich kam ich an das Ende des Kamins, von dort geht der Weg weiter nach rechts auf die ausgesetzte Wand. Kein Ring weit und breit, dafür aber ein strammer Seilzug, als würde Thomas schon passiv am Seil hängen. Tat er aber nicht.

Mit der Angst wuchs meine Bereitschaft, erneut vom gewählten Wegeverlauf abzuweichen. Welcher Idiot nur hatte diesem Weg im Kletterführer ein Sternchen gegeben? Also änderte ich kurzerhand das Ziel, und flüchtete in Richtung Vorgipfel. Noch ein Stück den sandigen Kamin hoch fürchten, und da endlich sah ich sie. Die Öse. Dick und aus Eisen, solide im Felsen einzementiert. Licht am Ende des Tunnels. Rettungsanker für meine Zuversicht, die gemeinsam mit der letzten windigen Schlinge den Kamin hinabgesaust war. Dass der Zement zu einigen Zentimetern schon wieder aus dem butterweichen Gestein herausgewittert war, tat meiner Erleichterung keinen Abbruch. Da mich aber der Seilzug ständig in den Kamin zurückziehen wollte, warf ich eine lange Bandschlinge wie ein Lasso über die Öse. Einklinken – aussteigen, aaaaah! Welch eine Erleichterung!

 „Stand!“

Mit mehreren Schlingen und Karabinern festgebunden wie zu einem Bigwall-Biwak genoss ich es, endlich wieder ohne Angst leben zu dürfen.

 Nun aber musste Thomas klettern. Erschreckend schnell war er auf den Absatz gelaufen und hatte den Kamin erreicht. Wenigstens verzögerte sich sein Aufstieg ein wenig, als er all meine Schlingen wieder abbauen musste. Wieso kam der so schnell hoch - war es doch so leicht? Schießlich war er in deprimierend kurzer Zeit bei mir auf dem Vorgipfel, eine breites Grinsen im Gesicht und die Bemerkung, dass Sandsteinklettern eigentlich Spaß mache, wenn man es denn könne. Witzbold!

 Gut. Nun waren wir also auf dem Vorgipfel. Noch aber fehlten die paar Meter bis ganz oben. Inzwischen waren wir auf dem Alten Weg angekommen, von der ursprünglich geplanten Route waren wir ja nun schon zum zweiten Mal abgewichen. Vom Vorgipfel weg hatten die Erstbegeher seinerzeit ausgiebig gebaut. Ausgiebig bauen kam nicht in Frage, wir waren ja nur zu zweit. Einfaches Bauen kam aber auch nicht in Frage, denn wir hatten beide keine Ahnung, wie man so was macht. Aber wenigstens gab es einen Ring.

Also kletterte ich los. Direkt aus dem Stand klinken konnte ich ihn noch nicht, und ich fürchtete immer, von den Reibungstritten in meinen Angstkamin zu sausen, aber es hielt alles, ein paar kurze Züge, und nach wenigen Minuten saßen wir dann doch endlich auf dem Gipfel, bestaunten die Umgebung und freuten uns unseres Lebens.  

Stefan Holz

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