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Tod eines Kletterers (von Erhard Klingner)

„So was hab ich noch nicht gesehen, trotzdem hier an der Himmelspforte herzlich willkommen!“
„Berg Heil, Petrus, kann man hier im Himmel auch klettern?“

„Warte erst mal, noch bist du nicht dort; aber sag mal, wie siehst du denn aus, du musst ja auf eine furchtbare Art zu Tode gekommen sein?“

„Ich wollte die Wahnsinnsverschneidung am Goldstein klettern, einem der schönsten Kletterwege in der Sächsischen Schweiz“.

„Ja bist du des Teufels! Das sagt doch schon der Name, dass das nur Wahnsinnige machen. Welcher Teufel hat dich da geritten, das freiwillig zu machen?“

„Petrus, wahrscheinlich bist du kein Kletterer, sonst wüsstest du, dass das einer der besten Kletterwege ist hier im Sandstein. 
Er hat sogar ein Sternchen dafür und ist auch nicht als ungenügend gesichert bekannt. Jeder gute Kletterer hat ihn schon gemacht, manche mehrmals, auch ich. Sehr gute Kletterer sagen sogar, es ist ein leichter Weg und er ist ausreichend gesichert. Richtig gute Schlingen kann man legen bis zum ersten Ring in 30 m Höhe“.
„Ja und warum bist du nun runtergefallen und tot, wo doch das Leben da unten so gut ist?“
„Es ging alles sehr schnell. Eigentlich war ich gut in Form. Allgemein. Vielleicht an dem Tag nicht ganz. Gleich am Einstieg hatte ich ein mulmiges Gefühl. Der Ring kam mir besonders hoch vor. Aber dann ging der Risseinstieg ganz gut. Ich konnte die ersten Meter mit Schlingen absichern und erreichte ohne Anstrengung den Absatz vor Beginn der eigentlichen Verschneidung. Ich wusste bereits von vorangegangenen Begehungen, dass die große Platte etwas morsch ist und als beste Zwischensicherung bis zum Ring nicht viel taugt. Aber, ich bin ja nicht der Schwerste und man kann noch weitere Schlingen legen und außerdem hatte ich auch nicht die Absicht runterzufallen.“
„Na schön, und warum bist du jetzt hier?“
„Entschuldige Petrus, ich wollte ja nicht hier her, ich wollte noch viele schöne Wege klettern und viele schöne andere Sachen machen auf unserer Erde, mir gefällt es dort! Aber dann passierte es mir das erste Mal, ich fiel einfach runter. Es ging zu schnell und die Wand raste an mir vorbei nach oben. Ich hatte nicht mal richtig Zeit, Angst zu haben. Es gab einen Ruck, die erste Schlinge als Zwischensicherung. Sie hielt nicht. Dann die zweite. Auch nicht. Dann der große Ruck. Die Plattenschlinge. Sie brach aus, ich konnte es noch hören. Danach hatte ich noch eine Sekunde Zeit bis zum Aufschlag. Die kam mir allerdings lang vor. Da hatte ich noch kurz Hoffnung bis es dunkel wurde. Für immer.“
„Also für mich klingt das alles unverständlich und unvernünftig. Das macht doch kein normaler Mensch. Die meisten Menschen hängen doch am Leben und setzen es doch nicht unnötig aufs Spiel. Aber die Menschheit hat schon merkwürdige Gestalten und Charaktere hervorgebracht!“
„Ja, lieber Petrus, kann man es denn besser machen?“
„Aber natürlich, du bist der letzte blöde; nach deinem Tod hat sich dort unten alles geändert. Da hat dein Namensvetter und Doppelgänger vieles angestoßen. Als Leipziger mit wendezeitlicher Erfahrung, als neues C – Mitglied im SBB und als alter Hase im Sandstein, der nichts mehr zu verlieren hat, gab es die Aktion „1000 Ringe“. Da sind in den ungenügend gesicherten Wegen viele kleine farbig gekennzeichnete Ringe hinzugekommen. Auch in deine Wahnsinnsverschneidung. Na gut, ein paar Mal ist er dort auch wieder gezogen worden. Aber dann siegte doch die Vernunft. Und die ganz guten Kletterer lassen diesen Ring aus. Er ist ja gekennzeichnet. Und dann ist die Wegauswahl auch viel größer geworden. Man hat naturverträgliches Klettern eingeführt.“
„Was heißt das, lieber Petrus?“
„Einigen Langzeitkletterern war aufgefallen, dass der Schaden durch die Kletterer an Fels und Flur doch ganz schön groß ist, trotz der Erhaltungsmaßnahmen. Man hat also Massive weiträumig freigegeben zum Klettern, wie im böhmischen Teil. Insbesondere dort, wo bereits Pfade am Felsfuß entlang führten, also an Tafelbergen, Elbwänden und Nachbarmassiven von nebenstehenden Gipfeln,
mit Erschließung von unten und schönen Umlenkhaken oben vorm Ausstieg, eben Natur schonend. Im Gegenzug hat man versucht, abseits gelegene Gipfel den Kletterern sozusagen zu entziehen. Auf solchen Gipfeln gibt es keine Gipfelbücher mehr. Aus dem Grund und vielleicht weil es immer mehr vernünftige Kletterer gibt, erholt sich die Natur zusehend. Offensichtlich haben die meisten erkannt, dass sie ja eigentlich nur für sich klettern, dass sie so wenig Spuren wie möglich hinterlassen sollen und vor allem eine intakte Bergwelt für nachfolgende Generationen übergeben wollen.“
„Petrus, das gefällt mir. Gib mir bitte eine zweite Chance auf dieser Erde!“
„Das geht leider nicht. Dazu war dein Lebenswandel doch nicht gut genug. Aber ein wenig Leid tust du mir schon. Ich will dir deshalb etwas Besonderes geben: Hier sind die Türen zu einer anderen Welt, ihr Erdenbürger nennt sie Himmel und Hölle. Du hast eine Frage frei, um dir die Wahl zu erleichtern.“
„Petrus, hinter welcher gibt es Frauen und Felsen?“
„Frauen gibt es überall, aber Felsen nur in der Hölle.“
„Gut Petrus, dann nehme ich diese hier.“

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