Nächtliche Süßspeise

Es gab Zeiten, da konnten wir in der Sächsischen Schweiz noch ungestört boofen und wir taten dies regelmäßig. Literaten der heutigen Zeit würden sich vielleicht damit brüsten, nur draußen in der Natur übernachtet zu haben, um am Lagerfeuer ungestört über die Kommunisten schimpfen zu können. Doch wir hatten andere Gründe, soweit ich mich erinnere. Nach dem Abendbrot wurde es langsam dunkel und wir merkten, dass es noch andere Bewohner dieser Höhle gab: Bilche. Als wir in den Schlafsäcken lagen, begannen die Tierchen recht intensiv unsere Sachen nach Eßbarem zu durchsuchen. Wir quälten uns wieder aus den "Mumien" und hängten alle, aus unserer Sicht für die Nager genießbaren Dinge, in Schlingen an der Höhlendecke auf. Ich hatte noch ein Glas mit einem gekauften Brotaufstrich, der süßsäuerlich schmeckte, klebrig war und eine Konsistenz ähnlich der von flüssigem Bienenhonig besaß. Das Behältnis war mit einem Deckel aus Kunststoff verschlossen, den zu öffnen es schon einer erheblichen Kraftanstrengung bedurfte. "Das Ding kriegen die Biester nicht auf. Ich stelle es hier oben auf das Band", erklärte ich. Zufrieden, alles im Griff zu haben, krochen wir wieder in die Schlafsäcke und schliefen ein. Mitten in der Nacht wurden wir durch einen lauten Schrei geweckt. "So eine Sauerei, macht mal Licht an!" Es war Peter, der da randalierte. Im Schein der Taschenlampe betrachteten wir unseren Kameraden, dessen Gesicht sich trotz des erst kurzen Schlafes erheblich verändert hatte. Das ganze Gesicht und die Haare waren von einem dicken gelben Brei bedeckt aus dem nur zwei mühsam freigelegte Augen herausragten. Das Glas hatte genau über Peters Kopf auf dem Sims gestanden. Die Bilche hatten es umgekippt und tatsächlich den Deckel abbekommen. Der Inhalt hatte sich nun über dem zarten Gesicht unseres Bergkameraden entleert. In Ermangelung von Wasser blieb uns nichts übrig, als mit den Fingern Peters Gesicht abzuwischen. Zum Säubern der eigenen Finger blieb jeweils nur der Mund des Besitzers. Unseren inneren Kampf zwischen Ekel und Freßsucht gewann letztere.

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