Mein Erlebnis mit einem Steinbeißer

Der Zug bringt Jan und mich am Freitagabend nach Schmilka. Wir haben den 3. Februar 1992. In den von der Sonne abgeschirmten Felsecken liegt noch etwas Schnee. Doch uns zieht es schon hinaus in die Berge. Langsam steigen wir hinauf zu den gewaltigen Talhängen des Knurzelhurz. Neben der Südostkante befindet sich eine herrliche Boofe. Noch vor der Dämmerung ist unser Lager für die Nacht gerichtet. Schnell noch wollen wir nach der bisher unbestiegenen Schartenkante des Knurzelhurz sehen. Seit langem beschäftigen sich unsere Gedanken mit dieser zauberhaften, doch überaus glatten Kante. 800cm ragt sie majestätisch aus der Scharte.

Doch was sehen wir da – in einer Höhe von 2 m befindet sich eine große Sanduhr. Wir sind sofort einer Meinung, diese Sanduhr war im Herbst noch nicht vorhanden gewesen. Es gibt hierfür nur eine Erklärung, diese Sanduhr muss das Werk der überaus seltenen, frühjahrsaktiven Steinbeißer (Brokolorus schnurbsis) sein.

Schon in den Schlafsäcken liegend berichtete ich Jan, was mir über die Steinbeißer bekannt war:
Noch an die 10 dieser seltenen Tiere soll es im Elbsandsteingebirge geben. Wegen ihrer diamantharten Schneidezähne jagte man sie in früheren Zeiten erbarmungslos. Die Zähne lötete man auf Bohrer und selbst Granitsteine ließen sich so durchbohren. Seit 1952 stehen sie jedoch unter strengem Schutz. Diese Tierchen haben die Gestalt einer Ratte, dunkelgrüne Augen, steingraues Fell und einen kurzen Schwanz, ähnlich dem eines Kaninchens und ernähren sich ausschließlich von Felsgestein. Ihr robuster Magen und Darm löst viele lebensnotwendige Stoffe aus dem Gestein und ermöglicht dem Steinbeißer ein Leben, in dem er kaum hungern muss.

Noch während ich diese Informationen an Jan weitergebe, hören wir ein Geräusch. Knarrende Laute spielt uns der Wind aus der Scharte zu. Behutsam und leise, mit einer Lampe in der Hand, verlassen wir das Lager. Jetzt stehen wir unter der Schartenkante. Jan schaltet die Lampe ein. Wenig über uns sitzt ein grauer Steinbeißer und hält sein Mahl. Er lässt sich von uns nicht stören. Was für ein Naturerlebnis! Noch ein Weilchen sehen wir zu, dann ist es endgültig Zeit zum Schlafen.

Am Morgen haben wir Nebel und Temperaturen um 5°C. Doch nichts hält uns in den Schlafsäcken. Während des Frühstücks beschäftigen sich unsere Gedanken mit der Schartenkante. Werden wir eine Erstbegehung schaffen? Bald ist die Kante erreicht und erwartungsfroh sehen wir an ihr empor. Doch oh Schreck, mit was für einem gefräßigen Tier aus der Steinbeißerfamilie hatten wir es da in der letzten Nacht zu tun gehabt! Es hat unsere schöne Kante völlig zernagt und mit Löchern durchsetzt. Anstatt einer Erstbegehung im Bereich V wird es eine I.

Uli (Sedlitzer Bergfeunde)

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