Sardinien im November 2012, eine Kletterreise oder

Kletterossis in Sardinien oder

Sardinien, wir werden älter, aber nicht kälter!

Sardinien, das fünfte Mal. Hintereinander. Vielleicht Sardinienfiber oder einfach nur ein letztes aufwallendes Kletterfiber, bevor es in die Kiste geht, wie mein Bergfreund Peter sagt. Mich stören solche Sprüche nicht, sie sind eher Ansporn, mich endlich um den lang ersehnten halben Schwierigkeitsgrad zu steigern. Und wenn schon Kiste, dann sicher wegen Dago und Mathias, die mich in dieser wunderschönen heilsamen kräuterduftgeschwängerten sardischen Luft zwei Wochen lang zum Passivraucher machten. Also wieder Sardinien als Jahresabschlussfahrt. Aber diesmal ist alles anders. Nicht nur das Wetter. Nein, auch die Bergfreunde. Dieter ist mit. Zwar fast der Älteste mit weit über 70, aber auch der einzige „richtige“ Kletterer. Was ist ein richtiger Kletterer? Einer der immer klettert, der dafür lebt und in Klettern denkt. Damit ist er mir schon mal manchmal viel näher als meine sonstigen Pirnaer, Dresdener und Radeberger Bergfreunde. Ihm habe ich auch das einzige Lob in den letzten 10 Jahren zu verdanken: Als wir am ersten Tag in Cala Gonone wegen Wind und stürmischer See ohne Klettersachen zum Klettergebiet Grottoni gingen, war Dieter der einzige, der sofort in Socken den Felsen austestete. Und daraufhin Mathias zu mir sagte, er hätte nicht gedacht, dass es einen noch Verrückteren als mich gäbe! Das „Normalverhalten“ eines Bergsteigers nach Meinung meiner Freunde sieht man auf dem anderen Bild.

Also, wegen Dieter waren wir auch klettern. Und das wenn möglich jeden Tag und eben immer. Leider kam das Wetter und die Nacht meist dazwischen, neben eigenem Unvermögen die zwei Hauptfeinde eines Kletterers. Ja das Wetter. Bei der Ankunft gestand uns Dieter, dass er nur wegen der von uns so gelobten sardischen Sonne mitgefahren war. Nun, in der ersten Woche haben wir die Sonne nicht gesehen. Dass diese nur über den Wolken war, wollte er nicht glauben, so duster war es die erste Zeit. Dafür hatten wir auch mal richtig Regen und Wind. Deswegen und da die Abende im November sehr lang sind und man diese Zeit auch als Einladung an ein tägliches alkoholunterstütztes Schwätzchen verstehen kann, hatten wir es uns richtig gemütlich unter einer riesigen Plane eingerichtet. Dumm war nur, bevor man sich leicht bewusstlos nach der letzten Flasche ins Zelt legte, entscheiden musste, ob die Plane abzubauen war oder nicht. Da gab es einen Schlauen, der konnte gerade noch sagen, dass es besser wäre die Plane wegen des aufkommenden Nachtwindes (Erfahrung!) abzubauen und einen Nichtschlauen (Jetzt wäre der als Dummer bezeichnete beleidigt!) der das auf den nächsten Tag verschieben wollte. Ergebnis: 3Uhr 30 bauten die Geräuschempfindlichsten mit dem leichtesten Schlaf die wildgewordene zerfetzte Plane im Regen ab. Das macht richtig Spaß. Nur gut, dass der Nichtschlaue auch dabei war.

Also, wie gesagt, klettern waren wir auch, manchmal sogar recht erfolgreich. Ich besonders, da ich wegen den von Dieter hängengelassenen Express-Schlingen gefahrlos an meine Grenzen gehen konnte und auch ein Sturz keine moralischen Folgen hatte. Danke, lieber Dieter. Aber dass wir überhaupt früh losgekommen sind, das ist mir zu verdanken: Nach dem Hellwerden stehe ich gern auf. Und nach dem Hundefüttern habe ich die Teekessel angesetzt und aus versehen sind dabei allerhand Blechsachen ziemlich laut angestoßen. Dann habe ich die leeren Wein- und Bierflaschen eingesammelt und in den bereits nach drei Tagen übervollen Abfallcontainer geschmissen. Da konnten auch die noch Bewusstlosen nicht mehr schlafen!

Na ja, so ganz gefahrlos ist das Klettern grundsätzlich nicht. Auch im hakenübersäten Sardinien nicht. Beinahe wären wir statt sechst nur zu viert zurückgekommen. Pinkus hat Geburtstag in Dorgali gefeiert: Ihm ist ein großer Felsblock weit oben rausgefallen, hat Mathias unten nur knapp verfehlt und beim Sturz ist das Seil bis auf 5 Seelen gerissen. Abends feiern wir Pinkus’ zweites Leben oder die Verlängerung seines an Ereignissen schon sehr reichen Überlebens.

Auch ich habe Fehler gemacht. Und alle bisherigen auch überlebt. Denn Betrunkene und Kletterer beschützt der liebe Gott. Das Klettergebiet Osilo alto haben wir erst Mittags nach langem Suchen erreicht, mit nassen Füßen wegen der vom nächtlichen Regen noch feuchten schweinekackeübersäten Wiese. Zerschunden und zerkratzt vom Übersteigen einiger Stacheldrahtzäune und baufälliger Tierschutzmauern und fast verstritten ob der Suche standen wir endlich an einem Abgrund über unserem Klettergebiet. Abseilhaken wiesen den Weg nach unten. Ich nichts wie Seil raus und runter mit großem Rucksack. Leider erwies sich meine Einschätzung über die Abseillänge als nicht richtig. Wer hat schon mal beim Abseilen am hängenden Seil eine zweite Abseile aufgebaut? Ich weiß nun wie das geht. Bis zur Abfahrt musste ich mir das nun als Fehler anrechnen lassen.

Überhaupt Kritik. Ab einem bestimmten Alter ändert man sich sowieso nicht mehr. Ich kann mir nicht vorstellen mich zu ändern. Da fehlt es mir auch an Vorbildern. Dieter zum Beispiel. Immer nur Klettern ist auch keine Lösung. Oder Dago, das verkannte Genie, angesiedelt zwischen Genie und Wahnsinn, erfolglos aber zufrieden. Mathias, der zwar leicht mal monatelang entweder nach Sizilien oder nach Santiago de Compostella mit dem Fahrrad fährt, aber sonst „in sich ruht“ und meine Bezeichnung als faules Schwein als Auszeichnung ansieht. (Vielleicht doch ein gutes Beispiel für mich!?). Oder Peter, den ich oft so beschreibe, dass er genau das Gegenteil von mir ist. Das genügt den meisten. Ungekrönter Meister im sächsischern Triathlon: Saufen, Sex und Klettern. Darin war er zumindest theoretisch schon immer gut! Und Pinkus, der Oberkletterlehrer aus Pirna, der auch in schwierigen Situationen versucht, dir die Geologie, das Wetter und die Welt (seine Welt!) zu erklären. In seiner Gegenwart vergeht die Zeit sehr schnell, da er trotz keinerlei Sprachkenntnis ständig versucht Kontakt zur einheimischen Bevölkerung herzustellen und abends lange Stunden mit Bergliedern auf seiner Gitarre liebevoll vertreibt. Aber da hat er einen ganz großen Pluspunkt von mir!

Also mal ganz ehrlich, wegen dem Klettern allein nach Sardinien zu fahren ist dumm. Es ist eigentlich alles andere: Die Luft, das warme Meer (wir waren fast jeden Tag baden), die Tiere, die Katzen und die Hunde (wir haben extra Hundefutter mit und wenn ich mal einen Hund habe, ist es einer aus Sardinien), die Kräuter, die Feigen, die Schlehen und die Myrten und die Erdbeerbäume in den Bergen und natürlich das gute Essen. Angefangen von Stolle am minus ersten Advent, über frisch geröstete Esskastanien bis zum täglichen abendlichen kulinarischen Festmahl. Speisefolge vom Chefkoch Peter bereits zu Hause festgelegt und teilweise vorgekocht. Auszug aus der All inklusive Vollversorgung gefällig: Krautwickel, Zucchinipfanne, Wildschwein mit Klößen, Königsberger Klops, Hähnchenkeule, Gemüseeintopf, Quarkkeulchen, Eisbein…

Vielleicht sollte man das mit dem Klettern überhaupt lassen. Zumal es sowieso keine vernünftige Antwort auf die Frage gibt: „Warum gehst du klettern?“. Es gibt ja noch so viele schöne andere Sachen auf dieser Welt. Das muss den Kletterern einfach mal gesagt werden. Ich jedenfalls habe mir fest vorgenommen spätestens in meinem nächsten Leben zumindest die auf der Fahrt quer durchs Land aufgefallenen, weil auf einem Berg mit Burg liegenden, Dörfer zu besuchen. Deshalb muss ich mindestens noch einmal nach Sardinien, um mir Roccadoria Monteleone, Osilo und Castelsordo mit einer hübschen Frau mit großen Brüsten, Alter egal, anzusehen (Diesen Satz musste ich schreiben, da sonst mein Bergfreund Peter den Text nicht lesen würde). Und das sind Dörfer, die noch nicht mal in meinem Sardinienführer stehen; es ist einfach ein sehens- und erlebniswertes Stückchen Land auf dieser Erde.

So, nun ist gesagt, was gesagt werden musste. Allerdings habe ich dabei wie aus versehen wieder einmal doch noch etwas nicht ganz alkoholfreies Zeug dabei getrunken. Deshalb, liebe Bergfreunde nun Klartext: Da ich gern mit Euch wieder mitfahren möchte, erkläre ich hier ausdrücklich: Das alles hier ist erlogen und erstunken, kein Wort wahr, die Fotos sind gefälscht, Namen sind mit eventuell noch lebenden Personen nicht identisch und genau das Gegenteil ist der Fall! Ich werde doch meine letzten Freunde nicht absichtlich vergraulen. Auf ein Neues 2013 in Sardinien!

Erhard Klingner

Leipzig an einem ungewöhnlich nasskalten Spätnovembertag




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