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Das Jahr 2009 und Sardinien November 2009

Eigentlich ist klettern ganz einfach. Und schwer klettern auch. Theoretisch. Da bin ich richtig gut. Nur mit der Praxis haperts. Nächstes Jahr wird’s 50 Jahre, dass ich das versuche. Aber 2009 sollte mein Jahr werden. Nach dem Motto: Mit 66 Jahren fängt das Leben an. Und mein Geheimtipp: Nicht in den Spiegel schauen! Aber ein bisschen beeilen muss man sich in dem Alter dann schon. Deshalb schnell noch im Dezember des Vorjahres die vielen Eisen aus meinem Oberschenkel rausmachen lassen, die von meinem Inlineskater – Unfall zwei Jahre zuvor noch drin waren (Bitte liebe Bergfreunde bleibt bei euren Leisten, nur die Sportart machen, die sicher ist, z.B. klettern).


Und mit Schi fahren und Klettern in den heimischen Gefilden (Kletterhalle, K4, Holzberg) im Frühjahr in Form bringen und keine Fehler mehr machen. Leider stellte sich bald ein neues ungeahntes Handikap heraus. Ich habe neuerdings Angst beim klettern, wenn ich in schlecht gesicherte Felspassagen komme. So verging das Jahr in meinem geliebten sächsischen Sandstein wieder mal ohne besondere Ereignisse und leider auch ohne Steigerung. Der Sommer war vorbei, die Alpenfahrten und die Norwegenfahrt gingen vorüber ohne besondere Ereignisse wegen Gutwetter oder Schlechtwetter. Gutwetter kann deshalb schlecht sein, weil gerade dann die Frau auf einer 14 – tägigen Wanderung in Tirol und Südtirol besteht.

Soll man es nun Glück oder Pech nennen, dass mich genau unter der Großen Zinne Nordwand ein Karabiner aus großer Höhe fallend nur knapp verfehlt hat?

Zwischendurch lagen weitere Ereignisse, die das Jahr wie im Fluge vergehen ließ.

Habe ich schon gesagt, dass mit zunehmendem Alter die Zeit noch schneller vergeht? So ohne Arbeit rast sie regelrecht davon! Also junge Bergfreunde, genießt die Zeit, so lange ihr Arbeit habt!

Ach ja, gearbeitet habe ich auch. Sogar sehr schwer. Einmal bin ich im Wald über einen Haufen Pilze geflogen, da musste ich mich dann mit ein paar Kilo abschleppen.

Und im Nachbardorf hatten wieder mal die Störche Sex auf dem Schornstein (gibt es das beim Menschen auch?) und da sind ein paar Jungstörche herausgekommen, die ich beringen musste.

Und genau dann, als ich Anfang September loslegen wollte, riss ich mir beim Wandern (!) den rechten Daumennagel ab durch einen Sturz im Schlamm eines Gehgeländes. Das wäre kein Problem gewesen, wenn nicht gerade ein paar hundert Besucher (und Kletterer!) des Bergfilm - Festivals am Spielberg zugesehen hätten wie das Blut spritzt.

Kurz darauf stellten sich ungeahnte weitere körperliche Mängel ein: Da ich den kleinen Unfall negierte und weiterkletterte, musste ich im Oktober noch mal unters Messer. Zwischendurch kletterte ich mit 12 Bergfreunden im Gesamtalter von 876 Jahren durch die Talseite des Höllenhundes auf 2 Wegen. Das war das 5. Treffen der „Über 60 – jährigen sächsischen Kletterinvaliden“. Abends hat sogar ein Fuchs gratuliert!


Aber das Jahr war ja noch nicht zu Ende. Meine berechtigte Hoffnung auf Steigerung lag nun auf unserer jährlichen Novemberfahrt in die Sonne Italiens, diesmal Sardinien. Die Vorraussetzungen meinerseits waren glänzend: Ich war in Hochform, gut gesicherte Kletterwege in der Sonne warteten auf mich, eine abhaltende oder gar zänkische Begleitung wurde vermieden und mein Wille war stark, mich zu steigern. Aber das Schicksal schien etwas dagegen zu haben, zumindest hatte ich Peter wieder mal unterschätzt. Ich merkte es schon beim Beladen des Autos, als ich mein kleines Gepäck kaum noch rein bekam. Diesmal hatte er in seiner (berechtigten?) Angst zu verdursten entsprechend vorgesorgt.

Neu war nur, dass diesmal auch außer viel viel Bier noch konzentriertere Alkoholitäten dabei waren. Einerseits hatte ich nichts dagegen, da die Nächte im November lang sind, andererseits widersprach dieses meinen Zielen, siehe oben.

Aber erst mal losfahren. Die schöne große Fähre ab Livorno. Aber ein eigenartiges Gefühl ist das schon, wenn statt einem jungen Mädel ein alter Sack schnarchend neben einem liegt.

Auf Sardinien sieht die Welt schon wieder anders aus. Zumal in unserem geliebten Agriturismo in Cala Gonone. Da kommt einem das Wort „Schöner geht’s nicht“ ganz leicht über die Lippen. Unser Zeltplatz liegt ein paar hundert Meter über dem Meer und die Sonne geht über diesem auf und scheint früh als erstes direkt ins Zelt. Und wir werden immer freundlich begrüßt, oft im Gegensatz von zu Hause. Also ich meine von den Hunden, als ob sie uns vom Vorjahr nicht vergessen haben. Diesmal ist ein ganz junger dabei, so ca. 3 Wochen alt. Und wir haben die Gunst der Stunde genutzt, um den Hund nach unserem Vorbild zu formen. Ich als Kletterer und Artist und Peter als warmherziger Schläfer (mit Hund im Bett!), liebevoller Vater und Biertrinker.

                                           

Allerdings war der Anfang nicht leicht. Erstens musste die ganze Hundeschar gefüttert werden, damit wir uns ungestört mit dem noch säugenden Winzling widmen konnten. Und zweitens hatten wir anfangs noch mit den Herbststürmen zu kämpfen.

Da kann es schon passieren, dass man das Zelt auch in der Nacht noch am Platz halten muss. Aber wozu habe ich Peter mit? Er kann alles, und ich außer klettern, fotografieren und Tagebuch schreiben nichts.

Klettern waren wir auch. Leider nicht ganz so gut wie geplant. Vermutlich lag es wieder am Wetter. Entweder zu kalt, zu windig oder zu warm. Und gerade wenn ich das Gefühl hatte, den großen Sprung zu machen und sogar ungeahnt hohe Schwierigkeitsgrade kletterte, stellte sich am nächsten Tag die nackte Realität wieder ein: Entweder war der Weg zu hoch eingestuft oder mein Können sank dahin. Sozusagen täglich wechselnd: Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt; oder: Einmal sind die Wege gut mit großen Griffen und Tritten und gut gesichert aber mit hohem Schwierigkeitsgrad (wie mein Bergfreund Lothar einmal sagte), ein anderes Mal hätte ich meine Ausrüstung am liebsten gleich verschenkt. Bloß gut dass nicht viele Kletterer vorbeigekommen sind. Wir waren fast allein. Abgesehen von den Wessis. Den Torschten konnte ich anfangs überhaupt nicht leiden. Er hat so ein hübsches Madel mit und klettert soooo schwer. Aber dann hat er mit einer dummen Geste mein Weltbild zerstört: Sie, die Wessis haben uns einfach aus Sympathie einen neuen Kletterführer geschenkt. Bloß weil ich mal erwähnt habe, dass der Kletterführer von Sardinien sooo gut gemacht ist, das man ihn sogar an einem langen Winterabend zu hause am Kamin wie einen Bestseller lesen kann. Verstehe ich nicht, diese Geste (Grabgabe!?) kann nur an dem vielen Alkohol gelegen haben, den wir in der vorletzten kalten stürmischen Nacht vor ihrer Abreise vernichtet haben.


Anders die beiden Engländerinnen. Zu den beiden hübschen Madels hatten wir gleich große Sympathiewerte. Nur schade, dass sie so wild aufs klettern waren, als ob es nichts anderes gäbe. Auch an der Sprache wäre ein Kennenlernen unsererseits nicht gescheitert, zumal wir darauf ohnehin keinen großen Wert legen!


   

Wahrscheinlich lag eine gewisse Erfolglosigkeit trotz der am Ende 10 Tage Sonne, Wind und Wellen auch am guten Essen. Sozusagen wie im Paradies. Tagsüber wuchsen uns die Erdbeeren an den Erdbeerbäumen in den Mund und abends gab es das feinste leckerste selbstgekochte Gericht. Denn ich vergaß zu erwähnen, dass Peter Hobbykoch ist und ich der Vielfraß und Spezialist für die dabei anfallende Drecksarbeit.

Nach dem Essen wurde es Dunkel. Ein uns nicht wohl gesonnener Außenstehender hätte gesagt, wir würden nur den ganzen Tag darauf warten. Dem war nicht so. Trotzdem hatten wir dann noch viel zu tun. Ich erwähnte schon die Erziehung der Hunde, die man anfangs an den kühlen Abenden auch schon mal als Wärmflasche am Körper benutzen konnte. Und dann musste auch noch der viele Alkohol weg. Anfangs hatten wir damit einige Mühe, aber am Ende der 2. Woche waren wir gut durchtrainiert. Wir saßen draußen unterm Sternenhimmel, wurden mit zunehmender Stunde immer klüger ob der zunehmenden Probleme dieser Welt und wurden zumindest jetzt abends viel besser beim Klettern. Auch das Thema Nr. 1 wurde erschöpfend behandelt. Es endete meist damit, dass ich eine Annonce für die passende Partnerin bei Peters nächster Kletterfahrt entwarf. In Kurzfassung: Jung, sehr jung, hübsch, sportlich, gut klettern, aber nicht zu gut, körperlich gut geformt, oben aber nicht zuviel usw. Meinen Einwand, dass sie dann vermutlich blind sein müsste, lies er nicht gelten. Auch von dem Alter wollte er keine Abstriche machen. Nicht einmal die 18 Jahre meiner Freundin Vanessa Su wollte er mit fortschreitender Abendstunde gelten lassen. Nur gut, dass alle bekannten fraulichen Wesen nicht dabei waren und Vanessa Su, mit der ich dieses Jahr klettern war, nicht weiß, dass sie meine Freundin ist.


Ich sagte ja schon, dass wir auch klettern waren. Ich muss das noch mal betonen nach den vorgenannten Ereignissen; es waren am Ende 60 Kletterwege. Und dabei wird auch klar, warum wir dort hin gefahren sind: Am 11.11. um 11.11Uhr hat Peter seinen 11111. Kletterweg geklettert. Man könnte an Hand dieser Tatsache meinen, er sei nur wegen klettern auf diese Welt gekommen. Übrigens ist das sogar die Wahrheit, denn er führt akribisch ein Bergfahrtenbuch, in dem sich neben den Besteigungen der „Seife“ oder des „Furzes“ auch die wochenlangen Belagerungen einiger 7000er tummeln.


Irgendwann geht auch die schönste Bergfahrt zu ende. Wir wussten zwar nicht warum. Aber vielleicht war es auch deshalb, weil wir uns nach 2 Wochen alles gesagt hatten oder auch weil nach dem vielen Klettern alle 5 Glieder weh taten. Am Ende waren es wieder die Hunde, weshalb uns der Abschied besonders schwer fiel. Natürlich auch wegen des kleinen Hundes, der der einzige war, der uns zum Abschied gewinkt hat (hat also doch was gelernt und ist nicht nachtragend wie die meisten Menschen! Sage also keiner wieder, ein Hund sei auch nur ein Mensch!) und dem wir versprochen haben, wiederzukommen.

Erhard Klinger  www.barbarine.de

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