Ringelrein

Es war ein fast normaler Klettertag in unseren Lieblingsklettergebiet im Zittauer Gebirge. Wir hatten uns für die Nonnenfelsen bei Jonsdorf entschieden. Dafür sprach die kaum noch zu übertreffende Nähe zur Kneipe und der relativ gemütliche, da kurze Zustieg. Schon recht früh hingen wir in der Direkten Südwand an der Schluchtwand. Diese, heutzutage mit 2(!) nachträglichen Ringen versehen, war zu einer gemütlichen Plaisir-Kletterei geworden. Fairerweise muss ich zugeben, die Route aber auch nur mit einem (nachträglichen) Ring in der Direktvariante zu kennen. Der frühere Weg zum jetzigen zweiten Ring erforderte, vor dem Einbringen eines weiteren Ringes, eiskaltes, relativ hohes Antreten auf eine Reibung. Gelang dies nicht, landete man recht unsanft im Kamin.

So gut gesichert gelang es mir, den Weg schnell hinter mich zubringen und entspannt zu genießen. Oben auf den Absatz holte ich den Doktore nach. Der Schluchtwand gegenüber endet der Nonnensteig, ein in den 1990-ziger Jahren eingerichteter Klettersteig. Just in diesem Moment kam eine ältere, dank schlechter gewordener akutischer Fähigkeiten, laute Horde angegrauter Bergkameraden hinauf. Als sie uns sitzen sahen, begann eine lautstarke Konversation über die von uns vollbrachte Kletterei. Einer der Herren, wie sich später herausstellte, war Wolfgang Glaser oder kurz Wolla genannt. Dieser philosophierte über eine neue Kletterei, als Verlängerung der Südwand direkt über dem Pfeiler auf welchem wir saßen, direkt zum Gipfel. Dank des schönen Wetters hörten wir belustigt zu und schauten uns spontan den geplanten Ausstieg an. Der Pfeiler bot noch mal sechs Meter interessant aussehende Kletterei. Grinsend sahen wir uns an. Als die Herrenbande lautstark um die Ecke Richtung Kneipe bog, gingen wir ans Werk. Die Kletterei war ohne Ring recht spannend und bot bis zum Gipfel interessante Züge. Wenig später saßen wir auf dem Gipfel und trugen stolz unsere neue Erstbegehung ein. Diebisch freuten wir uns, in Voraussicht auf das zu erwartende dumme Gesicht.
Nach etwa zwei Monaten saßen wir an derselben Stelle unten auf dem Pfeiler. In unserer Variante „glänzte“ eine alte Rostgurke. Wolla hatte seine „Erstbegehung“ vierzehn Tage nach unserer Begehung doch durchgezogen, ohne sich vorher noch mal das Gipfelbuch anzusehen. Außerdem garnierte er den Weg mit einem Ring, der den Namen Sicherungspunkt kaum verdiente. Dieser steckte über vierzig Jahre im Vergessenen Turm und war, wegen der verlorengegangenen Funktion als Sicherungsmittel, ausgetauscht worden. Der Fehler war allerdings, den Ring dem damaligen Erstgeher wieder zukommen zu lassen. Dieser schlug ihn, zwecks fehlender anderer Verwendung, einfach wieder an anderer Stelle ein.
 
Hoffen wir, dass er bald gegen einen neuen Ring ausgetauscht oder einfach weggelassen wird und seinen Weg ins Museum findet.
 
Wenig später gelang es uns in der Sächsischen Schweiz einen der wohl schönsten Wege von Wolla, die „Sonnenwand“ am „Vorderen Hirschgrundturm“ , zu begradigen, und das mit einem nachträglich geschlagenen Normring. Aber das ist eine andere Geschichte:

Einige Jahrzehnte dauerte es, ehe diese prachtvolle Wand beklettert wurde. Bedeutende Kletterer mit klangvollen Namen wie Strubich und Dietrich, aber auch Rost und Richter gingen an der Wand vorbei. Erst Wolfgang Glaser gelang es, die abweisende Wand in ihren Randbereichen zu durchsteigen. Das schwierige Risssystem im unteren Teil und auch der glatte Ausstieg blieben ihm durch die schier unüberwindlichen Schwierigkeiten verwehrt. Aber eine neue Generation wuchs heran und mit ihr das klettertechnische Können. Ein gewisser A. scheiterte beim Versuch, oben gerade raus zu klettern, noch Ende des 20. Jahrhundert oberhalb einer kleinen Sanduhr. Das Risssystem unten blieb ihm, mangels einschlägiger Risserfahrung versagt. Aber im Jahr 2006 war es soweit. Ein unerschrockenes Bergbaby wagte den entscheidenden Schritt.
Nach erfolgreicher Durchsteigung des Testpieces "Nordriss" am gleichen Fels, stieg er von unten direkt in die „Sonnige Wand“ ein. Nach Einwerfen eines Dutzends Schlingen gelang ihm die Durchsteigung des Risssystemes und der Wand zum 2. Ring der „Sonnigen Wand“. Oberhalb dieses Ringes und der nachfolgenden großen Sanduhr kam er an die Stelle, wo A. einst schmählichst umdrehte. Dem Bergbaby gelang, wo vorher alle scheiterten. Nur mit der dünnen Sanduhr gesichert schaffte er den glatten Ausstieg aus der Wand. A. , nun am schlappen Ende des Seiles, verlangte an dieser Stelle einen Ring. Dieser wurde vom später nachfolgenden Bergfreund unter Verlust des Hammers gesetzt. Wer den Hammer finden sollte, wird gebeten, ihn doch zurückzugeben, um ihn der Nachwelt zu erhalten. Außerdem wird er gebeten, dass Loch, was er dafür gegraben hat, nach verrichteter Notdurft wieder zu verschließen.
Einem Weg dieser Bedeutung wurde dann auch der passende Namen gegeben: "Malle".



Zum ersten Teil gibt es eine interssante Textpassage im Buch von Klaus Zimmermann:

Es ist nicht alles schlecht gewesen

Von Felsen, Bergsteigern und Grenzen
 (ISBN: 978-3-929744-42-2)

Zurück