Ohne Mantel auf dem Falkenstein

Der Plan fürs Wochenende war klar, als wir uns am Abend des 10.01.2003 auf den Weg zur Vereinshütte des SMF in Königstein machten. Für Samstag war Ski fahren angedacht und für den Sonntag Eisklettern in Hohnstein, immer natürlich auch mit dem Hintergedanken, vielleicht unterwegs noch eine Jahreserste auf irgendeine Quacke abfassen zu können. In Königstein angekommen, war aber zumindest der Plan für Samstag hinfällig, da kaum 2 cm Schnee lagen. So wurde noch abends beschlossen, morgen zum Falkeinsteinparkplatz zu fahren und ein wenig die Schramm- und Affensteine zu bewandern. 

Am nächsten Morgen war’s dann schon fast wieder Mittag, als wir am Parkplatz anlangten. Nach kurzer Absprache, ob es sinnvoll sei, ein Seil und Gurt mitzuführen, hatte jeder seine eigene Lösung für dieses Problem gefunden. Lutz und Trüffel verzichteten ganz auf Kletterausrüstung und stellten sich auf einen schönen Wandertag ein. Kristina, Tobias und ich dagegen waren immer noch der Hoffnung „ein Gipfel würde schon gehen“. So waren Gurt, Schuhe, Schlingen, drei bis vier Exen und Kristinas gutes altes Seil mit von der Partie. Nachdem alle gerüstet waren, ging‘s erst mal Richtung Schrammsteinaussicht. Erst durchs Schrammtor, vorbei an den Ostertürmen, zum Wildschützensteig. Dort hatte sich eine dicke Eisschicht über der Einstiegstreppe gebildet, welche nur Dank unseres mutigen Vorsteigers Lutz bezwungen werden konnte. Der Rest der Stiege war schnell erklommen und so standen wir denn bald auf der Schrammsteinaussicht, welche, wie die ganze Umgebung, mit einer wunderbar in der Sonne glitzernden Raureifschicht überdeckt war. Nach einem kurzen Foto-Shooting und Stärkung durch Glühwein wurden zwei getrennte Wege beschlossen. 

Lutz und Trüffel setzten ihre Wanderung in Richtung Rübezahlstiege fort und die Verbliebenen wollten ihr Gipfelglück versuchen. Als Treffpunkt wurde der Falkenstein in der Abenddämmerung vereinbart. Zuerst erhielt ich aber noch einen kurzen Einblick in den Ausblick, da ich ja noch nie in den Schrammsteinen klettern war. Es wurden viele Gipfel mit Namen benannt und einige schöne und oder auch schwere Wege dazu erläutert. Dann ging‘s nach kurzer Beratung erst mal Richtung Müllerstein, wo ein Alter Weg I uns zur erhofften Jahresersten bringen sollte. Doch bereits auf halbem Weg wurde der Plan aufgegeben, weil die recht eindeutigen Fußspuren uns die Aussicht, die ersten zu sein, zunichte machten. Das „Projekt Jahreserste“ wandelte sich nun zum reinen „Projekt Gipfel“, da der Falkenstein (wo die Jahreserste sicherlich schon am 1.1. gemacht worden war) in nächster Nähe stand und die fortgeschrittene Zeit nur noch diese eine Bergtour zu erlauben schien. Als Abstieg in Richtung Falkenstein wurde der Mittelsteig gewählt, was sich aber auf Grund von Vereisung zu einem rechten Abenteuer entwickelte. 

Endlich heil unten angekommen, ging‘s vorbei an Schildbürgerriß und Schwager-Talseite zum Falkenstein. Dort wurde erst kurz mein Zettelweg (Reginawand) für 2003 in Augenschein genommen und dann waren wir auch schon am Einstieg in den Ostweg. Kurz umgezogen und los ging‘s über die vereisten Schrofen des Schusterwegs hinauf. Die letzten 6 Schrofenmeter, welche etwas steiler waren brachten zum ersten mal das Seil, welches uns heute noch viel Freude bereiten sollte, zum Einsatz. Da ich das Seil vom letzten Adrspachaufenthalt schon kannte , konnte mich auch die nun ins Blickfeld geratene mantelfreie Stelle, ca. 7 m vorm Seilende nicht allzusehr erschrecken. Anders ging‘s da Tobias, der beim Anblick des Seiles schon recht entsetzt und beängstigt war. Die Auskunft von Kristina, daß der Kern des Seiles ca. 90 % halte, konnte auch nicht recht beruhigen. Auch die Länge des Seiles schien mit 40 m recht knapp bemessen. Nun aber rauf mußte es nun mal gehen, das war Pflicht. Und wer rauf kommt, kommt auch wieder runter. So wurde denn das mantellose Ende erst mal aufgespart und hoch ging‘s zum Einstieg in den Kamin. Nachdem der für III schon recht schwere Einstieg geschafft war, ging‘s erst mal frei im sehr engen, leicht vereisten Kamin nach oben. 

Nach etlichen Metern schwerster Schinderei kam in einer Seitenwand des Kamins ein erleichternder Riß und nach wenigen Metern eine Erweiterung in selbigem, welche als Stand für den Sicherungsmann dienen sollte. Die Sicherung schien Kristina, die als einzige den Weg schon kannte, an dieser Stelle angebracht, da einige Meter weiter oben der Kamin recht weit außerhalb geklettert werden mußte. Ich sicherte, Tobias suchte sich eine halbwegs bequeme Wartestellung und Kristina stieg munter drauflos. Unterwegs legte sie zwei der drei mitgeführten Schlingen und alsbald ging das Seil seinem Ende entgegen. Tobias setzte Kristina davon lautstark in Kenntnis, doch die Worte kamen oben nur bruchstückhaft an. Nun bewegte sich das Seil eine geraume Zeit gar nicht mehr und danach lief es plötzlich etwa 7 m zurück. Tobias wußte nicht gleich etwas mit dem Geschehenen anzufangen, aber ich konnte ihn aufklären, daß Kristina sich nun umgebunden hatte – hinter die Stelle ohne Mantel. Das behagte mir natürlich nicht so, schließlich war sie ja im Vorstieg, aber was soll man da machen. Nach weiteren 4 m ertönte von oben der beruhigende Ruf „aussichern“. 

Wir banden uns parallel ein und stiegen los. Die Stelle außen am Kamin erwies sich als recht vereist und somit gar nicht mal so leicht. Aber im Nachstieg ging‘s dann doch halbwegs. Dann ging‘s frei noch mal ins Kamininnere und in einem rechten Seitenkamin direkt zum Gipfel. Die Spannung stieg, je näher wir der Gipfelbuchkassette kamen. Vielleicht hatten wir ja Glück und kamen noch unter die ersten vier bis fünf. (ganz innen drin hatte wohl auch jeder von uns noch die leise Hoffnung – Jahreserste). 

Der große Augenblick war da. Kristina öffnete die Kassette schlug das Buch auf und siehe da die letzten waren an 24.12. des vergangen Jahres oben gewesen. Jahreserste; die Freude war natürlich riesig. Nachdem sich die Emotionen wieder einigermaßen beruhigt hatten, ging es ans Jahreserstenspruch-finden. Viel wurde diskutiert und wieder verworfen, währenddessen auch die obligatorische Gipfelzigarette geraucht und eine Tafel Schokolade vertilgt, bis man sich schließlich, da es auch kalt und schon etwas spät geworden war, endlich auf folgendes einigte: „Die Natur ist ein Buch, in dem nur der zu lesen versteht, der sie liebt“. So wurde denn die Gipfelbuchkassette wieder geschlossen und los ging‘s wieder. 

Allerdings nicht ans Abseilen sondern Richtung Zinne, wo Tobias zu versuchen gedachte, selbige zu besteigen und zum Zwecke der Durchführbarkeit des Unternehmens auf eine eventuell. vorhandene Öse oder Sanduhr zum abseilen hoffte. Auf dem Weg Richtung Zinne wurde  das Ansinnen, den Turnersprung für diesen Weg zu benutzen, zum erstenmal auf Grund der Vereisung fallengelassen. Nach einigen Metern in Richtung „Projekt Zinnenbesteigung“ wurde auch dieses für undurchführbar befunden und der geordnete Rückzug per Abseile zurück auf den „Boden der Tatsachen“ beschlossen. Auf dem Weg zur Abseile wurde erneut der Turnersprung ins Auge gefaßt, diesmal in entgegengesetzte Richtung und durch eine Öse gesichert. Beim ersten Versuch scheiterte ich auf Grund der Vereisung noch vor Erreichen der Öse. Der zweite Versuch war dann zumindest von dem Erfolg gekrönt, daß Tobias die Öse erreichte, aber danach doch unverrichteter Dinge zurückkehrte, da wegen des Eises nicht von einem kontrollierten Sprung auszugehen war. Nun ging‘s zügig zur Abseile und Tobias wollte als erster gehen. Doch allzu leicht sollte auch dieses nicht zu bewältigen sein! Nach kürzester Zeit war von unter zu vernehmen, daß das Seil offensichtlich nicht mehr die erforderliche Länge bis zum nächsten Abseilring aufwies, weil Tobias sich nicht recht traute, über die bewußte Stelle im Seil weiter abzuseilen. 

So wurde dann beschlossen: Tobias ab in den nächsten Kamin und erst mal einen sicherheitsbringenden Knoten in die Seilenden machen. Dann seilte Kristina ab und einerseits trotz Kampf kalter Finger gegen einen festgezogenen Knoten und andererseits mittels abklettern gelangten nun beide bis zum Abseilring. Als dritter war ich an der Reihe und kam recht problemlos bis zu den beiden und konnte kurz oberhalb von ihnen im Kamin guten Stand finden, um den Knoten im Seilende, welcher doch recht festgezogen war, zu lösen und danach das Seil abzuziehen. Der Knoten erwies sich als recht hartnäckig und infolge er Unachtsamkeit beim Kampf mit Selbigem verschwanden die von Kristina geborgten Handschuhe auf Nimmerwiedersehen in den Tiefen des Falkensteins. Nachdem das Seil umgefädelt war, seilte Kristina zum nächstmöglichen Ring (bis zum nächsten Abseilpunkt wäre auch mit Verlängerung durch sämtliche mitgeführten Schlingen sicher nicht zu kommen gewesen), ab hier erfolgte das Abseilen unter Aufsicht durch das Bodenpersonal, denn Lutz und Trüffel hatten sich mittlerweile am verabredeten Treffpunkt Falkenstein eingefunden. 

Vom Ring ging‘s weiter bis zum Band vom Schusterweg und von dort an einem Baum bis zu einem geeigneten Ring (ab hier hatte das Bodenpersonal einen wichtigen Beitrag zum gelungen Abschluß der Bergfahrt zu leisten, da der entsprechende Ring auch auf Grund der zunehmenden Dunkelheit sicherlich ohne sie nicht zu finden gewesen wäre). Die restlichen 8 m Abseile waren mit der Vorfreude verbunden, diesmal nicht über das entsprechende, doch etwas schaudererregende Stück des Seiles zu müssen. Leider ließ wohl auf Grund des nahen glücklichen Endes der Bergfahrt die Konzentration etwas nach, so daß das falsche Ende in den Ring gefädelt wurde und alle drei noch einmal das seltsam prickelnde Erlebnis des mantellosen Abseilens genießen durften. Die Klettersachen waren schnell verpackt und schon ging‘s Richtung Königstein. Mit einem leckeren Abendessen „a la Trüffel“, reichlich Bier und einem Eintrag ins Hüttenbuch endete der doch recht aufregende Klettertag.

(c)A. Ruethrich

 

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