Mein erstes Mal

"Wenn du Interesse hast an nicht langweiliger Kletterei, sag Bescheid" Meine Finger tippten vor ein paar Monaten die Buchstaben "Gerne" als Antwort. Sogleich überkam mich ein fröstelndes Gefühl der Angst. Schräge Geschichten hatte ich bis dahin über ihn gehört, über seine Vorliebe für Kotzbrocken und Quacken, und dass er ein Meister der Baustellenkultur im sächsischen Fels ist, konnte man schon in Biwaksendungen oder auf Fotos bewundern. Und nun war es soweit, ich durfte zusammen mit Joachim Finzel, auch ein großartiger Vorsteiger mit kecken Worten auf den Lippen, mit dem Kletterunikat Jörg Brutscher am Sandstein hinaufkraxeln. In die Hinteren Schrammsteine, das war Jörgs Wunsch. In Schmilka liefen wir am Bier vorbei, und der sprudelnde Badezuber frohlockte. Aber nein, wir gingen weiter. Ich glaube, das Gefühl der Angst, was uns erwarten würde, begleitete uns die ganze Zeit. Der Winklerturm war unser erster Gipfel. Eine Route wurde ausgesucht, nur eine V. Gott sei dank. Dann zog sich Jörg um. Da stand er nun in seinem allzubekannten braunen Trainingsanzug aus DDR Zeiten. Bei eBay hat er ihn mal ersteigert, und er eignet sich wunderbar zum klettern, klärte er mich auf. Dann packte er sein Seil aus. Ein recht dickes Seil, Joachim und ich beäugten es kritisch, denn das ungefähre Alter konnte man nicht einschätzen. Jörg band sich an einem Ende ein, "mein Lieblingsseilende" meinte er. Und dann stieg er los. Fast schwungvoll, mit Bedacht die Füße setzend, kletterte er hinauf, manchmal schnaufte er, manchmal grunzte er. Am Ring holte er uns erst mal nach. Ich durfte als nächstes, und das zweite Seil mitnehmen. Meine Kletterkünste schätze ich nicht so gut ein, vor allem ungeübt bin ich, und ein Schisser noch dazu. Den Einstieg meisterte ich schonmal gut, vier fünf Meter weiter wurde es irgendwie "blöd", ziemlich rund, ziemlich sandig, ganz, ganz leichter Überhang. Ich will zurück, schoss es durch meinen Kopf. Aber mein Kopf dachte voller Grauen an das alte Seil, welches mich hinablassen sollte. Nein, Sunny, reiß dich zusammen, das ist nur eine V! Geh jetzt da hoch! In meinem linken Fuss machte sich ein Krampf breit. Aber ich schaffte es, am Ring angekommen, kam Joachim hinterher. Auch er ließ Kommentare ab wie "interessanter Weg.... Interessant ist das Gegenteil von schön" Dann ging Jörg weiter, wir entfitzten derweil die zwei Seile. Man musste eigentlich nur noch eine unschöne Reibungsstelle meistern und der Rest war einfach. So im Nachhinein betrachtet war alles gar nicht so schlimm, ich behaupte, dass einfach nur mein Kopf die ganze Zeit ein fröhliches Lied summte " Du gehst mit Jörg Brutscher klettern" und das mich total verunsicherte.
Zweiter Gipfel Rauschenstein, Freundschaftsweg, eine IV, Jörg stieg vor, keine weiteren Vorkommnisse. Außer an der Passage, wo man erst hinunter und wieder hoch musste, um zum Gipfelkopf zu kommen- ich bin halt einfach klein. Ich wurde ruhiger, die Angst verflog. Vorerst.
"Was machen wir als nächstes?" Joachim erwähnte voller Elan,am Eckzahn fehle ihm der AW, eine VIIa. Der fehlte dem Jörg auch. Also wurde dieser Gipfel sogleich angepeilt. Jörg legte auch gleich wieder los. Ein etwa 20 m langer Kamin musste bezwungen werden, so ganz ohne Sicherungen für den Vorsteiger. Die ersten Meter schob sich der Mann hinauf, es sah ziemlich einfach aus, aber weiter oben hörte man, wie schwierig es wurde. Es war totenstill, selbst die Vöglein hörten auf zu singen, man hörte oben nur das Schaben der Füße am Fels, die Karabiner am Gurt klimperten immermal, und hin und wieder ertönte ein Grunzen. Auf den letzten drei Metern ging er nicht weiter. Er klemmte da, und bewegte sich nicht. Nur das laute Atmen konnte man vernehmen. Schwups, da war sie wieder, meine Angst. Mein Kopf ging alle Möglichkeiten durch, wohin müsse ich gehen um genügend Empfang zu haben, um die Bergwacht zu rufen. Doch dann ging er weiter, was war ich erleichtert. Er quälte sich die letzten Meter, brachte sich in eine bequeme Position. "Ich bau jetzt mal ein paar Schlingen." Eine Querung zum Ring stand bevor, so geschätzte 6 Meter. Es sah einfach und galant aus. Am Ring wollte er uns nachholen. Ich streikte. Auch wenn mir der Gipfel durch die Lappen ging, ich wollte nicht. Also ergab sich Joachim seinem Schicksal. "Ach der Kamin geht ja" sagte er auf den ersten 5m. Von oben ertönte die Stimme " Ja, dort ists noch angenehm, dort sind noch gute Tritte vorhanden". Joachim verdrehte die Augen: "Noch". Aber tapfer schob er sich weiter hoch. Als ich ihm und seinem Mühen zuschaute, war ich mir absolut sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Hin und wieder klemmte Joachim fest, und versuchte sich abzulenken mit "gemütlich im Badezuber sitzen wäre jetzt toll" oder "Kaffeetrinken bei Sebastian im Garten". Wimmern auf lustige Art und Weise, dachte ich mir, mir wäre es garantiert genauso ergangen. Jörg ermunterte ihn hin und wieder :"Kamine sind genau richtig gegen Rückenschmerzen, letzte Woche lag ich nur mit Schmerzmittel flach, und musste mich jetzt auch erstmal wieder an den Kamin gewöhnen, hab ich lang nicht mehr gemacht." Joachim war nun endlich an der Querung angekommen. Schlingen abbauen kam für ihn nicht in Frage, er wollte eher von unten gesichert werden, falls er sich nicht halten kann, und herauspendelt. Ich hatte vollstes Verständnis, Jörg meinte dazu: "Naja, mach, wir kriegen die Schlingen dann schon raus". Am Ring angekommen fühlte sich Joachim wie neu geboren, die Todesängste, die er zwischendurch hatte, fielen von ihm ab, ich konnte es richtig spüren. Beide erklommen noch den Gipfelkopf, eine Jahreserste bekamen sie leider nicht, früher am selben Tag wurde diese Belohnung von anderen Kletterern ergattert. Beim Abseilen friemelte Jörg die Schlingen in der Querung noch heraus, das sah nicht hundertprozentig einfach aus, und ich hatte nun endgültig vollsten Respekt vor diesem Mann.
Unser letzter Gipfel wurde der Schützelkopf, eine Schwierigkeitsstufe VI erwartete uns nun, sogar mit Sternchen. Das war ein willkommenes Zuckerbonbon für uns.
Auf dem Weg zurück nach Schmilka unterhielten wir uns über Physik, Elektronik, parasitäre Kapazitäten, Transistoren und verglühten Dioden. Nunja, ich hielt mich da raus, ich verstand nichts. Joachim sagte, auch er verstand fast nur Bahnhof, aber es war lustig, zuzuhören. Beim Wolfgang in der Ilmentalbaude kehrten wir ein, und lauschten den Geschichten vom Jörg Brutscher. Zusammenfassend kann ich sagen: Mein erstes Mal war gar nicht so schlimm.

Sunny Tietze

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