Fetter als eine Maus

Es gibt im sächsischen Fels Situationen, bei denen man keinen Zentimeter nach unten fallen kann, aber trotzdem mehr Schiß hat, als bei einem schlecht gesicherten Vorstieg an der Leistungsgrenze. Ich hatte solch ein Erlebnis mit Peter am Mauseloch (Schwierigkeit III !).

Es ist mitten im Winter. Es ist ein Tag, an dem es nur darum geht draußen zu sein, und irgendwas zu klettern. Der ganze Turnerweg liegt voll Schnee. Vorsichtig muß man hier mit den glatten Gummisohlen antreten. Peter schrubbt als erster in den abweißenden Kamineinstieg. Er kennt den Weg wie seine Brillengläser, denn damals in seiner Jugendzeit war der Turnerweg der Standardabstieg vom Falkenstein. Als ich mit Peter bei ähnlich kühlem Wetter den Hohen Riß kletterte, erfuhr ich staunend, daß dieser in vergangenen Zeiten abgestiegen wurde, wenn der Turnerweg überfüllt war.

Über das Seil von oben bin ich heute recht glücklich, denn allzuleicht fällt mir diese Kaminfolge mit Schnee nicht. Es geht vorbei am Dreiteiligen Kamin, bis zu der Stelle, an der der Mauselochkamin auf die Zinne abzweigt.

Man muß sich das so vorstellen: Zwei parallele Kamine, die durch eine etwa 1,5m dicke Wand getrennt sind. In dieser Wand ist ein Loch, welches praktisch die beiden Kamine verbindet. Und weil man vom einen in den anderen Kamin will, muß man durch das Loch kriechen. Der Kamin auf der anderen Seite führt zum Gipfel.

Der Spaß geht los. Dort wo man rein muß, hat man guten Platz zum stehen. Peter steht nun vor diesem menschenfressenden Backofen und fängt an sich auszuziehen. Zunächst kommt bei mir der Gedanke an sexuelle Belästigung, aber nein es geht nur um unser Projekt. Mit dicken Sachen geht hier gar nichts, vom Klettergurt ganz zu schweigen. Beißende Minusgrade zwicken in den Arsch, aber mehr als eine dünne Hose und ein T-Shirt ist hier keinesfalls erlaubt.

Peters Kopf verschwindet, die beiden Arme nach vorn gestreckt schiebt er sich tiefer. Zurück! Die Schultern passen nicht durch die engste Stelle. Eine neue Technik wird angewendet. Einen Arm nach vorn und den anderen flach an die Seite gelegt. Wie ein unbeholfenes Kind zappelt der Peter mit seinen Beinen und versucht sich fast vergeblich mit den Füßen an der Lochoberkante abzustoßen. Die erste Hand müßte schon drüben sein. Jetzt kommt das schwierigste, der Brustkorb ist an der engsten Stelle. Jämmerliche Schreie, ganz dumpf. Der Körper hat jede Ritze abgedichtet. Peter brüllt, doch ich höre ihn nur leise. Ich kann seine Füße sehen, aber er klingt so weit entfernt, als wäre er unwiederbringlich auf dem Weg ins Jenseits.

Allein und verlassen stehe ich im Kamin, nur die Angst ist noch bei mir. Der Lebenskampf geht weiter, das Gekeuche und Geschreie wird lauter, er muß es geschafft haben. Er hat es geschafft. Kurz steht mir ein Grinsen im Gesicht. Peter hat nur noch die Unterhose an und die sitzt auch nicht mehr ganz dort, wo sie hingehört.

Aber jetzt bin ich dran, sofort vergeht mir das Lachen. Klamotten aus, alles durchgeben und auf ins „Vergnügen“. Vergeblich versuche ich es mit beiden Händen nach vorn, aber dünner als der Peter bin ich auch nicht. Also Arm an die Seite. Eine ziemlich unangenehme Position. Alles ist halb so schlimm, bis dann der Brustkorb dran ist. Mehrmals arbeite ich mich wieder zurück und sage jedes Mal: „Scheiße, es geht nicht!“ Bei irgendeinem Versuch stecke ich soweit drin, daß es nicht mehr zurück geht.

Nur flaches Atmen ist möglich, so stark wird die Lunge zusammengedrückt. Aber da liegt das Problem, wenn man durch will, muß man sich anstrengen und wenn man sich anstrengt atmet man heftig. Peter redet mir gut zu. Ich fühle mich beschissen, aber kurz bevor ich zu heulen anfange, bin ich durch. Die Atmung läuft wieder. Wie in einem Schockzustand lasse ich mich in den engen Kamin rutschen. Das mein Hintern freigelegt ist stört mich im Moment gar nicht. Erst nach einer Erholungspause geht es weiter. Ich mache das letzte Kaminstück und Peter kommt nach.

Auf dem Gipfel treffen wir wieder Schnee an. Ich bin völlig am Ende, aber es war nur eine Drei!

                                                                                                        Axel Grußer (Klettermaxl)

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