Vom Lindwurm zur Direkten Südwand

Seit 1983 gab es am Dämon einen neuen Weg von Michael Techel, "Lindwurm" geheißen. Weitere Begeher schwärmten von schweren und genialen Zügen, „so etwa wie Landkarte“, Schwierigkeit am 1.Ring. Nun – Landkartenkletterei lag mir, „Schwierigkeit am 1.R“ klang nach gut gesichert – der Weg kam auf die Wunschliste, obwohl ich ihn noch nie gesehen, ja nicht einmal den Gipfel bisher wahrgenommen hatte.

Am 31.5.84 zogen wir los auf die Obere Affensteinpromenade. Wo war der geplante Kletterweg? Nach den mir im Gedächtnis gebliebenen Details musste es eine Südseite sein. Aha, da so ziemlich am Ende des Großen Bauernlochs fiel eine steile Wandzone mit sichtbaren kleinen Platten in der Südseite eines erkennbaren Gipfels auf. Das musste der Lindwurm sein. Daß von den 4 Ringen nur einer sichtbar war erschien zwar seltsam, aber die anderen drei waren wohl von einem Absatz verdeckt.

Bis zum 1.Ring ging es ganz gut, wenn man VIIIc vorhat muss das auch gehen. Dann wurde es deutlich schwer. Kleinste Rissspuren, filigrane Platten und Käntchen mussten technisch ausbalanciert werden. Ich konnte zwei, drei 2- und 3-mm-Schlingen legen, in die ich mich aber nicht hineinzusetzen getraut hätte. Für einen geordneten Rückzug zum Ring reichten sie aus.

Also erst mal Pause gemacht und neu konzentriert. „Das ist aber ganz schön weit bis zum Absatz und ich sehe keine Sicherung!“ Dieter holte sein Miniaturfernrohr aus dem Rucksack. Diese Wunderwaffe hatte ich auch schon benutzen dürfen und eigentlich immer festgestellt dass dieses Ding Griffe und Tritte erscheinen lässt die gar nicht da sind – eben „optische Täuschungen“. „Du, Uli, da rechts oben, da kommt eine riesengroße Platte mit einer ganz deutlichen Kante, da liegt eine Schlinge drüber, das sehe ich ganz eindeutig!“. Na dann kann’s ja noch mal losgehen, das Ziel ist klar.

Irgendwie hatte ich im Hinterkopf, dass wohl Falk Schelzel am 1. Ring einen Griff ausgebrochen hätte und der Weg deshalb schwerer geworden war – ich konnte aber überhaupt keinen Ausbruch sehen...

Die Züge vom Ring weg kannte ich jetzt, also beherzt weiter, rechts oben kommt die Schlinge!

Die Züge wurden schwerer, die Platten kleiner und keksiger, oh, oh, oh ... „Wo ist die Platte?!“

„Na gleich rechts von Dir, Du musst sie doch bloß anfassen, Schlinge drüber und alles ist bestens!“

Oh Gott, die „Platte“ war eine angeklebte Untertasse, genauso dick! Und auch noch nach außen geneigt, niemals eine Schlinge! Was denn nun? Weiter ohne Sicherung, mit den Füßen schon 3 m über dem Ring? Aber zurück ist genauso schwer – überhaupt ist es schwer, die Kraft offensichtlich auch nicht endlos, in der Not frisst der Teufel Fliegen und ich - fasse die fernglasmäßig „riesengroße Platte“ an. Die verhält sich auch ganz genau so wie ich sie eingeschätzt habe – als ich die zweite Hand löse bricht sie ab.

So kippe ich leider gut stehend der Schwerkraft folgend hintenüber – halber Salto rückwärts gehechtet vom 10-m-Turm – keine Haltungsnote unter 9,8.

Wie sich das für Kletterer grundsätzlich gehört habe ich Glück und lande nahezu unbeschadet in der Verschneidung unter dem Ring.

Wieder am Ring erkläre ich erst mal trotzig dass ich jetzt nur weitermache wenn ich die Wegbeschreibung genau kenne – „wo ich grade war ist noch nie einer langgeklettert, sonst wäre die Platte weg gewesen!“

Gerold kriecht schartenseitig Kamine hoch zum Gipfelbuch und verkündet: „Hier gibt’s keinen Lindwurm!“ „Wieso, na klar muss es den geben, haben doch schon etliche gemacht!“ „Wenn ich’s sage, hier gibt’s keinen Lindwurm!“ „Was steht denn vorn im Gipfelbuch?“

„Hier steht VETERAN“ „.....?“ „Sch...!“ „Das darf doch nicht...!“

Na schön, nachdem wir ausdiskutiert haben, dass wir

anstatt am Dämon am Veteran,

anstatt am Lindwurm an der Südwand sitzen

und der Weg anstatt geradehoch vom Ring links wegquert

klettern wir eben diese VIIIb anstatt einer VIIIc

und besitzen danach eine 3. statt einer zweistelligen Begehung.

Den Lindwurm habe ich dann ein Jahr später gemacht.


Natürlich wurmt es, wenn man gekämpft und verloren hat. Andererseits – es wäre schon logisch, vom Ring geradehoch zu klettern!

So gehen am 24. September 1985 Jochen und ich zum Veteran, um genau das zu versuchen. Da, wo ich im Vorjahr abgegangen war, müsste ein 2. Ring hin.

Der Einstieg bis zum Ring ist klar, der Weiterweg vom Ring wie bekannt schwer. Ich lege zwei, drei, vier, fünf 2- und 3-mm-Schlingen einlitzig, wohl auch einen echten Schnürsenkel in Rißspürchen und um Plättchen. Atem anhalten und belasten. Oh, oh, bloß nicht husten oder zucken, die kleinen Knoten rutschen immer noch nach.

Kronenbohrer und Hammer werden hochgezogen und vorsichtig begonnen zu schlagen. 20 Schläge, 1 cm tief ist das Loch schon. Noch mal so viel und der Bohrer steckt, dann habe ich gewonnen. 25 Schläge ... und ein Knoten gibt auf ... und die anderen fühlen sich überlastet ... und ich bin wieder da, wo ich vor einem Jahr schon mal hing!

Diesmal hat mich aber die Panik ganz schön gepackt, ich klettere zwar noch mal bis zu den Schlingenresten, sehe aber keine gute Möglichkeit mehr die verbliebenen Knoten heraus- und neue reinzubekommen, Plättchen sind keine mehr da – ich gebe entnervt auf.

Jochen meint dass man sooo schnell ja nun nicht aufgeben müsse und macht sich auf den Weg. Seine um Welten größere Routine lässt ihn beim Anblick der Schlingen äußern: “Mann, die sind doch alle gut!“ Und tatsächlich – schnell hat er sich festgemacht, den Ring geschlagen und ist auf den Absatz geklettert.

Der Ring sitzt mitten in der Schwierigkeit, so dass die Kletterei anspruchsvoll, aber für den Schwierigkeitsgrad freundlich ist.

So bin ich vom Lindwurm zur Direkten Südwand gekommen...

Uli Schmidt

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