Die Leiche im Ast

 Wenn es kalt ist in unseren Heimatbergen und die Gipfel mit Schnee überzuckert sind, hat die winterliche Sächsische Schweiz auch ihren landschaftlichen Reiz. Besonders schön wird es erst, wenn man nach einer Wanderung den fröstelnden Körper mit Glühwein versorgt. Neben der Erwärmung kann so ein Trank aber auch Inspirationen hervorrufen, einen witterungsbedingt verdorbenen Klettertag anderweitig zu gestalten. So geschah es an einem Wintertag während unserer Studentenzeit. Wir packten am Frienstein unsere Rucksäcke aus und begannen mit der Zubereitung unseres Glühweines. Leider stellte sich heraus, dass wir nur trockene Rotweine und sehr viele Nelken mit hatten, aber keinen Zucker. Wir warfen als Ersatz sämtliche Gewürze in den Wein, die wir mitgebracht hatten.  Das Gebräu verursachte bei den ersten Schlucken bei jedem zunächst ziemliche Grimassen, aber nach ein paar Bechern hatte sich der Gaumen an den grässlichen Geschmack gewöhnt. Unsere Körper waren nach einigen Stunden des plaudernden Herumsitzens überdrüssig und ein Einfall mußte her, den Nachmittag sinnvoll zu gestalten. Bald hatten wir einen genialen Plan: Wanderer schocken. Wir warfen ein Seil über eine Astgabel und Lutz knüpfte aus einem dicken Seilstück eine originalgetreue Henkerschlinge. Diese legte er sich fachmännisch um den Hals. Lutz band sich in das Seil ein und zog seine grüne Studentenkutte darüber. Nachdem er die am Wanderweg stehende Birke erklommen hatte, wurde das Schlingenende noch schön lose über einem Ast positioniert und das Lastseil bestmöglich getarnt. Nach ein paar Minuten folgte die erste erfolgreiche Scheinhinrichtung. Ich wollte ein paar Fotos machen, doch mußten wir so lachen, dass es eine ganze Weile dauerte, ehe mir das gelang. Das Dia habe ich noch heute. Lutz baumelte in 4 m Höhe mitten über dem Wanderweg, seine Zunge hing aus dem Mund und ein Auge blickte leer in den grauen Himmel. Bald hörten wir die Schritte unserer ersten "Opfer". Lutz hielt sich wieder am Stamm fest und als ein mittelälterliches Ehepaar auftauchte, erfolgte die Hinrichtung Nr. 2. Die Leute blieben entsetzt stehen, als unser Bergfreund über ihnen herumbaumelte. Lange gelang es unserem Scheintoten aber nicht, seinen einstudierten Gesichtsausdruck aufrecht zu erhalten. Er öffnete das zweite Auge und kurz danach den Mund. Der Mann trat näher, musterte Lutz einen Moment lang und sprach: "Sagen Sie mal, studieren Sie nicht bei uns und haben nächste Woche bei mir mündliche Prüfung ?" Lutz starrte seinen Professor an und stammelte: "Jjjja!" "Na so schwer wird`s schon nicht werden, kommen Sie mal wieder `runter." Wie sich dieser Mensch, der ja weit weg an unserem Studienort wohnte, ausgerechnet an diesem trüben Wintertag an genau diesen Ort verirrte, blieb uns ein Rätsel. Aus den beteiligten Studenten sind ganz allmählich ernsthafte Menschen geworden.

Cleo

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