Lassowerfen an den „Ehe-Glückstürmen“ oder

Die ersten Lektionen in Sachen „Ringe“


Im schönen Sommer 1987 war’s, als ich langsam, äußerst reife 14 Jahre alt geworden, das „Indianerspielen“ des Kletterns gegen etwas ernstere sportliche Ambitionen tauschte. Weder Kind noch Halbwüchsiger sozusagen, jedoch den Kopf voll mit romantischen Ideen.

Das abenteuerliche Klettergefühl des Kindes noch nicht ganz abgestreift und doch lange nicht aus der Pubertät entwichen, fand ich mich mit meinem Vater während unseres alljährlichen Zelturlaubs im schönen Bielatal an den Glückstürmen ein und alles sah zunächst nach einem gemütlichen und für mich als Teenager durchschnittlich aufregenden Klettertag aus.

Die erste neue Lektion meines Vaters für seinen halbwüchsigen Sohn kam sofort am Einstieg. Er streifte seinen Ehering, sonst bei unseren Kamin- und Risstouren eher unfreiwillig vergessen am Finger harrend und somit häufig dabei allerlei Beschädigung ausgesetzt, diesmal vorsorglich mit dem Hinweis auf „Der hat gennuch Kratzer und enne Frau achtet da droff!“ kurzerhand ab, um ihn irgendwo unter einem Felsüberhang, es sah nach Regen aus, inmitten allerlei Leckereien, nebenbei zu verstauen.

Und wir stiegen wohlgemut an den Glückstürmen empor. So weit- so alles gut.

Natürlich hatten wir nicht genug und fanden uns zu späterer Stunde auch noch an den steil emporziehenden Rissen des Alten Weges an der Verlassenen Spitze (Nomen est Omen!) ein.

Der halbwüchsige romantisch veranlagte Sohn nahm am Waldboden Platz und sicherte höchst unaufmerksam den vorsteigenden Herrn Papa empor. War doch immer alles glatt gegangen. Also döste ich umher, einige Indianergeschichten im Kopf herumgeisternd. Die wildromantische Tallandschaft des Bielatals lud ja auch dazu ein! Während des höchst aufmerksamen Sicherns schaute ich mich also sicherheitshalber vorsorglich im Wald um, ob uns nicht derweil doch ein Grizzly anfiel oder ein Schoschone im Unterholz belauschte.

„Zischschsch… Pfeifffff“…ein Geräusch wie das eines fliegenden Lassos weckte mich urplötzlich aus den Träumereien und sofort ging der besorgte Blick nach allen Seiten. Indianer??? Der Blick ging nun endlich nach oben.

Dort sah ich meinen Vater gute 7-8m über mir im Riss klemmen und mit aufgerissenen Augen herunterschauen, ein weiterer Blick nach unten offenbarte die ganze Bescherung! Da lag friedlich auf dem Waldboden zusammengerollt- unser Kletterseil, welches bösartigerweise sich selber ausgebunden und den Weg nach unten mit lautem Pfeifton angetreten hatte.

Guter Rat war nun teuer, ein nun unfreiwilliger Free- Solo Vater ohne Ehering im Riss einer V steckend, unten ein halbwüchsiger starrer Sohn mit Seil stehend. Wunderbar gelegte, aber nicht eingehangene Seilschlingen kannte ich von uns ebenso wie heruntergefallene Abseilachten, aber jetzt!!!?? Weiter ging es da oben jetzt, die Kletterlokomotive setzte sich in Bewegung und stieg keuchend, selbst beruhigend auf sich einredend, den Alten Weg weiter aus, jedoch nicht ohne mir vorher noch zuzurufen „Wirfste mir das Seil ähmd auf dem Gipfel vom Massiv aus zu!“. Das klang viel versprechend, zumal paar sehr bange Minuten später ein deutlich aufatmender Vater den Überhang ziemlich weit oben seil- und sicherungslos gemeistert und gesund auf dem Gipfel angekommen war und sich da erstmal setzen musste.

Nun wurde aus dem „Indianerspiel“ plötzlich unerwartet ernst. Ich nahm das Seil und machte mich an das benachbarte Massiv, welches nun NICHT allzu nahe an der Verlassenen Spitze steht und auch nicht so ganz leicht, dafür aber schmierig und bewachsen, zu ersteigen ist.

Gut, ich kam glücklich aber dreckig oben an (inzwischen war auch ein kleiner Schauer über dem Bielatal niedergegangen, auch grollte es). Der Gipfel war doch gute geschätzte 15-17m (gefühlte 35m) entfernt und auch nicht mit Sprung Schwierigkeit 8 oder 9 zu erreichen, das Massiv zudem garniert mit einigen lustigen Baumkronen. Vater fuchtelte bereits erwartungsvoll mit den Armen und so begann ich den ersten Versuch des Lassowerfens. Gipfel verfehlt. Vater unruhig. Zweiter Versuch, Gipfel erneut verfehlt. Vater unruhig, gute Ratschläge gebend. Die nächsten Versuche, übermotiviert, landen in den Baumkronen. Nun eine neue Aufgabe, das Seil verzweifelt aus den Ästen zu ziehen und das gelingt endlich. Vater sehr unruhig auf der Verlassenen Spitze, dumpfes Grollen und tiefdunkelblaue Wolken im Hintergrund. „Bergrettung holen? Neeeee, probiere weiter!!!“. Einen Knoten bindend, wird nun ein Wurf probiert und endet kläglich weit vor dem Gipfel (der heißt nicht umsonst Verlassene„Spitze“. Einige Versuche später kommt Wut auf buchstäblich „beiden Seiten“ dazu („Männschenskinndoor!!!“). Also noch mal Lassoschlinge knüpfend, ganze Kraft und Geschick reinlegend und jaaa, er bekommt ein Ende zu fassen, dabei kurz vorm Abgrund agierend. Vivat Hurra, unser Kletterseil ist nun auch auf dem Gipfel angekommen.

Im Nachstieg bekam ich anschließend eine gute Vorstellung über das Anfühlen einer überhängenden Riß-Fünf als free Solo- Tour. Jedenfalls war ich froh dass da ein Seil von oben kam…. Und das Gewitter noch immer nicht ganz herangezogen war.

Nun ging es schnell ans Abseilen und zurück an die Felsvorsprünge, wo unsere Sachen im Trockenen lagen, nebst den erwähnten Essvorräten.

Das eigentliche Drama begann jetzt den zweiten Akt, von mir zunächst unbemerkt. Vater wurde wieder unruhig, wie mir schien diesmal sogar noch etwas unruhiger.

„Wasn los“?? „Ich kann d’n Ehering ni mehr findn!!!“

Fieberhaft werden nun alle Taschen, Rucksäcke, Felsvorsprünge ohne Erfolg durchsucht. Schweiß fließt jetzt mehr als beim Solo- Klettern noch vor ein paar Minuten! Und kein Lasso kann jetzt mehr helfen. So werden mögliche „Rollbahnen“ eines hinwegrollenden Eheringes den abschüssigen Waldboden entlang konstruiert und begutachtet, jedoch ohne sich einstellenden Erfolg. Ich glaube sogar meinen ruhigen und beherrschten Papa erstmals im Leben einen Fluch ausstoßen zu hören. Lustige Aufmunterungen, die sich auf „nachträgliche erforderliche Ringe“ beziehen, werden von Minute zu Minute seltener eingebracht.

Und, ein nun einsetzender Gewitterguss über dem Bielatal macht die Lage nicht grade einfacher! Selbst mein unschuldiger, pubertärer, aber gut gemeinter Vorschlag „Dann kaufste ähmd en neuen!“ kommt gar nicht gut an, wird abgewiegelt, und so ich bekomme meine zweite Lektion in Sachen Eheringe am heutigen Tag: „Frau’n messen so etwas Bedeutung bei, wenn en Ehering verschwindet!“. Auf welchem Wort die Betonung lag, weiß ich leider heute nicht mehr. Trübe wie das Bielatal war unsere Verfassung jetzt.

Resigniert, die Reaktionen unserer Mutter nur vorsichtig ausmalend und dabei nach Ausreden suchend, ging es ans Einpacken und umziehen, wobei natürlich zunächst der Autoschlüssel gesucht wird. Doch nein, keine neue Story bahnt sich nun an, hinten in der Hosentasche (damals konnte man noch Hosen nebst Schlüssel und Eheringe im Wald liegen lassen ohne Befürchtung eines Diebstahls, wobei uns das hinsichtlich des Eheringes nicht ganz klar war.) wurde der Schlüssel gefunden und herausgezogen und fiel nebst eines kleinen goldnen Kringels zu Boden…. dem Ehering. Er war nie verschwunden gewesen, nur auf die Idee, die Hosentasche richtig zu durchsuchen, war niemand gekommen….

Frohgemut, trotz Regens, zogen wir zur Ottomühle und ich glaube gar an jenem Tag spendierte mir mein Vater, die nächste Lektion des Erwachsenwerdens aufgreifend, ein erstes großes Schwarzbier.

An die Zeit der Zelturlaube in Schmilka, die Abenteuer damals, des Kletterns wie auch des romantischen Umfeldes, des Wanderns, des Kochens im Wald, erinnere ich mich heute noch sehr gern. Inzwischen über siebzig Jahre alt und immer noch glücklich verheiratet, geht mein Vater immer noch mit mir in die Berge, auch wenn keine Fünfen mehr Free Solo durchstiegen werden. 

Matthias Jäger

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