Hörprobleme

 
Keine Frage, ich brauche ein Hörgerät! Bisher war ich der Meinung außer meiner Frau noch alle zu verstehen, aber seit dem letzten Bergurlaub ist mir klar, dass ich wirklich Probleme mit dem Hören und Verstehen habe. Mit dem Verstehen insofern, dass ich verstärkt auch Worte höre, aber ihre Bedeutung falsch interpretiere. Kurzum das Hirn lässt wohl allgemein nach. Anfang September hatte Uwe beim Klettern am Hochkönig und über der Blaueishütte diesbezüglich so einige Schwierigkeiten mit mir, die schon beim Anmarsch zur Mitterfeldalm begannen.

Wir hatten das Auto auf dem Parkplatz des Arthurhauses abgestellt und stapften mit schweren Rucksäcken den Weg hinauf zur Mitterfeldhütte. Immer wieder standen Kühe auf dem Weg, die stoisch stehen blieben, so dass wir ausweichen mussten. Irgendwann fiel mir ein Vers aus einem alten Vagabundenlied ein, in dem es hieß: „… und weil ich fidel bin, da greif ich zur List – ich geh auf die Alm rauf, wo’s Rindvieh droben ist – dort setz ich mich mitten unter Rindviecher hin – da merkt halt kein Mensch erst, dass ich auch eines bin.“

Wie auch immer, wir waren völlig fertig, als wir die Hütte erreichten. Aufatmend warfen wir unsere Lasten ab und Uwe meinte plötzlich: „Heb mal meinen Sack an!“

 

Beschämt zu Boden blickend fragte ich: „Willst Du das wirklich?“

„Weeste wie schwer der ist?“ antwortete Uwe.

„Kann ich mir vorstellen, war bei mir früher auch so“, lächelte ich und blickte auf seinen Schritt.

„ Ich meene den Rucksack Du Rindvieh“ brüllte Uwe darauf … und lachte dann herzlich als er sah, dass ich den nicht einmal anheben konnte. Mit diesem Monstrum hätte es mich glatt auf den Rücken gelegt. Aber Uwe war noch nicht einmal ausgelastet, trotz vierzigminütigem  Aufstiegs. Als wir  nämlich den Kletterführer studieren wollten, bemerkte er mit Entsetzen, dass er seine Brille im Auto vergessen hatte.

„Macht nichts“, lachte ich, „da les ich Dir vor“.

Zweifelnd schaute er mich an und entschied sich dann noch einmal zum Auto zu laufen, um das Nasenfahrrad zu holen. Als ob ich nicht lesen könnte. Nach einer guten Stunde war er wieder da und meinte: „Weeste wie gut das ohne Rucksack ging?“

Ich wäre auf dem Zahnfleisch gekrochen.

Am nächsten Morgen brüllte Uwe in der sechsten Stunde, ohne die geringste Rücksicht auf andere Hüttengäste zu nehmen: „Los raus jetzt! Der Himmel ist wie blank gewichst!“

„Was ist mit dem Pimmel?“ ächzte ich aus dem Schlaf fahrend und knallte mit der Birne an die Bettkante des Doppelstockbetts, weil ich die Hände am wärmenden Zwickel hatte.

„Hähnel“ sagte Uwe nur drohend, was ich noch immer nicht verstand, so dass ich unauffällig in meinen Schlafsack blickte, obwohl ich mir keiner Schuld bewusst war. Endlich dämmerte es mir, dass er das schöne Wetter meinte.

Kurz nach 7 Uhr waren wir auf dem Weg zum Gipfel des Flachfelds, den wir nach reichlich zwei Stunden erreichten. Natürlich am Wandfuß, denn wir wollten ihn durch die Südwand besteigen. Genauer gesagt, über den „Alpingendarmerieweg“, was mich vom Namen her an gehackten Gendarmensack erinnerte, eine Zote aus der Jugendzeit – die ich vergessen glaubte.

„Ob das was wird“, meinte der Freund, „ist ohne Gewähr“.

„Klar sagte ich, was willste hier auch jagen?“

„Sag mal bist Du so blöd oder siehst Du bloß so aus“, kam die Antwort.

Nachdem wir uns eingebunden hatten, fragte Uwe: „Hast Du mich?“.

Verständnislos sah ich ihn an. „Warum soll ich Dich hassen?“

Da verdrehte er die Augen und schnurrte mich an: „Ich meene, ob Du in der Versicherung bist?“ „Klar“, sagte ich, „in der Allianz“.

Uwe seufzte in sein Schicksal ergeben und stieg endlich an, mit einem sagenhaften Gefühl für den nicht einfachen Routenverlauf. Als es an einem Haken besonders schwer wurde, rief er von oben: „… nimm mich ran!“ „Wann?“, rief ich von unten.

„Oh Gott, Hähnel“ hörte ich ihn rumoren, „Du sollst mich jetzt mal richtig ran nehmen!“

„Das sagt meine Frau auch immer“ lachte ich nur, bis ich merkte, dass ich das Seil straff halten sollte.

„Stand“ tönte es von oben, „ein schöner Stand!“

Ja rief ich hoch: „Schöne Wand“, und zerrte noch immer am Seil, den letzten Auftrag ausführend.

„Ich hole ein“, schrie Uwe nach unten.

„Wo willste denn hier einholen“ fragte ich zurück, „hier gibt’s doch weit und breit keen Laden.“

Endlich begriff ich, dass ich rausgehen sollte, weil er das Seil einziehen wollte.

Nach etwa drei  Stunden schöner, aber anspruchsvoller  Kletterei und endlosen Missverständnissen erreichten wir schließlich entnervt den Gipfel. Hinter uns lagen 300 Meter senkrechte Wand.

Uwe ging an der Felskante etwas nach Osten und fand schließlich einen Abseilhaken, unter dem gähnende Tiefe herrschte.

„Laut Führer soll hier eine Abseilpiste sein“, meinte er zögernd.

„Der Führer ist tot“, antwortete ich dümmlich. Aber er ließ sich nicht aufs  herumblödeln ein.

„ Insgesamt müssen wir sechs mal an die 50 Meter abseilen“ las er stattdessen von einer Skizze auf seinem Handy ab.

„Gebe Gott, dass das hier ist und weitere Haken folgen“, unkte ich, seine Unsicherheit verstärkend.

„Das muss hier sein“ entschied er schließlich, setzte sich ins Seil und verschwand im Bodenlosen.

Es war Wind aufgekommen, der unsere Rufe unhörbar für den jeweils anderen irgendwohin mit sich nahm. Nebelfetzen verhinderten die Sicht. Mir blieb nichts anderes übrig, als immer wieder am Seil zu prüfen, ob es frei war. Jetzt hatten wir nicht nur Sichtschwierigkeiten, sondern beide Hörprobleme.

Als das Seil leer schien, schob auch ich mich über die Gipfelkante, um nach unten zu gleiten. Schemenhaft sah ich den Freund an einem nächsten Stand. Es hatte alles seine Ordnung, wir waren auf der richtigen Piste. Immer freier fühlten wir uns und Uwe drückte es aus mit den Worten: „Nur Fliegen ist schöner“. Das hatte ich direkt einmal richtig verstanden.

 Als wir  wieder am Wandfuß standen, war die Wand wieder wie unberührt. Die Seile waren herab geglitten, der Nebel hatte sich verzogen und der Wind wieder gelegt.

Glücklich wanderten wir zurück, zuletzt wie die Rindviehcher  über die Wiesen trottend, unserer Hütte entgegen. Ein letztes Mal zu den Felsen des Hochkönigs schauend, seufzte Uwe: „Das ist wirklich was Großes hier“

„Oh ja“ sagte ich erschöpft, „mir auch … ein großes Bier!“

Peter Hähnel

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