150 Meter Kamin außenhaltend

Jedes Jahr im November lädt unser Freund Joe zu seinem Geburtstag nach Bad Klosterlausnitz. Dort werden am jeweiligen Wochenende zahlreiche Kisten Köstritzer Pils verdrückt und es wird auch meist irgendwas bestiegen. Neben dem Besuch diverser Thüringer Klettergebiete - jeder wäre für eine Geschichte gut - widmen wir uns auch immer mal wieder künstlichen Bauwerken. So gelang uns eine Überquerung der damals halb abgerissenen Teufelstalbrücke. Das war immerhin die größte Spannbetonbrücke Europas - Baujahr 1936. Vor 2 Jahren waren wir auf den Ronneburger Kegelhalden. Die sind mittlerweile auch teilweise abgetragen. Damals fielen uns bei der Rückfahrt mit Fahrrad in Gera 2 wunderschöne große Schornsteine auf, die geradezu nach einer Besteigung schrieen.

Diesem Ruf sollte nun im Jahre 2004 gefolgt werden. Leider waren diesmal nur 3 Gäste nach Klosterlausnitz angereist. Das lag wohl daran, daß Joe in seiner Einladung um Hilfe beim Tapezieren bat. Wir drei waren mit dem Vorrichten von 4 Räumen und mehreren Sonderwünschen dann auch reichlich ausgelastet, daß eine Radtour nach Gera viel zu zeitaufwendig gewesen wäre. Um weder Joe hängen zu lassen, noch auf unser Ziel zu verzichten, opferte sich Peter und bot sein Auto an. Dann wäre die Sache in 3 Stunden zu erledigen. Wir planten, den Aufstieg am Sonnabend zu Beginn der Dämmerung zu beginnen. Das sollte unsere Entdeckung und eventuelle Zwangsbeherbergung durch sich zuständig fühlende Organe erschweren und die nächtliche Weiterarbeit bei Joe sichern.

Die Essen gehören zum ehemaligen Heizkraftwerk Gera Süd. Sie sollten schon lange weg, aber es scheint kein Geld da zu sein. Angeblich sollen sie nächstes Jahr mit Fördermitteln für die Bundesgartenschau 2007 fallen. Sie sind zwar nicht so hoch wie die 3 markanten Essen an der Autobahn, aber ragen mit 150m (Angaben schwanken) schon sehr stolz empor. In Erinnerung geblieben war uns der viel zu gut einsehbare Standort der Teile am sogenannten Schweineohr, einem neumodischen Verkehrsknotenpunkt an der Weißen Elster. Außerdem schien uns problematisch, daß die Leitern zwar bis zum Gipfel, aber bei weitem nicht bis zum Boden reichen.

Der Sonnabendnachmittag kam, wir ließen das Werkzeug fallen und verstauten Bier und Kletterkram in Peters Auto. Er fuhr, während sich Muzel und ich dem Bier widmeten. In Gera angekommen warfen wir einen ersten vorsichtigen Blick über den Fabrikzaun und stellten erfreut fest, daß die Leitern schon in etwa 6m Höhe einsetzen. Das sollte kein Problem sein. In sicherer Entfernung, an einem Einkaufstempel parkten wir, zogen uns um und nahmen Bier zu uns. Zu Fuß ging es über einen Teil des Schweineohres weiter. Dort befindet sich eine Art städtischer Treffpunkt für jugendliche Skateboardfahrer. Somit waren uns schon mal ein paar neugierige Zuschauer sicher. Schnell war der löchrige Drahtzaun überwunden und wir konnten uns vom Fluß her unbemerkt den Essen nähern. Ziemlich spontan wählten wir den Südgipfel.

 

Peter hatte eigens für unser Unternehmen eine Wurfleine mit einem tennisballgroßen Ledersack angefertigt, den er zielsicher über die unterste Stufe warf. Daran banden wir ein Seil und zogen es durch. Wir hatten zwar Steigklemmen dabei, aber hangelten dann doch am Seil hoch, was durch das Elektrokabel für die Schornsteinbefeuerung erleichtert wurde. Die Schellen desselben kann man nämlich als Tritte benutzen. Ich erreichte als erster die beginnende Leiter. Dort hängte ich erstmal meinen Rucksack hin. Als Muzel meinen Platz erreichte, begann ich mit dem Aufstieg. Peter als letzter zog dann noch das Seil in sichere Höhe. So waren wir vor unangenehmen Überraschungen sicher.

Das Hochsteigen an der sehr soliden Leiter (mit einer Art Käfig im Rücken) war unproblematisch. Man kann sich hinten anlehnen und sitzt absolut sicher. Runterfliegen ist nur möglich, wenn man beide Füße von den Stufen nimmt. Allerdings war ich überrascht, wie anstrengend diese Art Kletterei ist. Aller 50 Stufen machte ich eine kleine Pause und fotografierte ein wenig. Es wurde aber (wie geplant) langsam dunkel. Insgesamt sind es etwa 400 Stufen bis zum Gipfel. Es gibt hier nur eine einzige Plattform kurz unter dem höchsten (ziemlich verkeimten) Punkt. Dort machte ich es mir gemütlich und genoß die Aussicht oder was davon halt übriggeblieben war. Einige Zeit später hatten es auch Muzel und Peter geschafft. Ein zünftiges Berg Heil, ein paar Fotos und dann ging es schon wieder an den Abstieg. Alles klappte hervorragend, das letzte Stück seilten wir ab. Es waren keine Bullen da. Im Schutze der Dunkelheit tranken wir am Wandfuß unser Bier und traten den Rückweg an. Joe wartete schon am Grill und sorgte dafür, daß wir uns für die folgende Nachtschicht stärken konnten.

 

War ein schönes Erlebnis.

Jörg

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