Hackfleisch

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Irgendwann hatte mir ein Kollege dieses grausige Computerspielchen "Frog-Bender" zugemailt, bei dem man einen unschuldigen Frosch in einer Moulinette zerstückelt. Die Unterschiede zwischen einem derart dekadenten Zeitvertreib und dem sächsischen Rissklettern sind, wenn man es denn  nur richtig anstellt, marginal.

"Rissgläddrn is Däschnigg, Wandgläddrn is Grafd!".

Jörg ließ die verwaschenen Röhrenjeans an seinen spargeldünnen Beinen herabgleiten. Die weiße Feinrippunterhose leuchtete in der Vormittagssonne durch die sächsische Waldlandschaft am Fuß der Wolfsspitze, während ich mich der Überreste des Morgenkaffees entledigte. Ungläubig  pendelte mein Blick zwischen der Schiesser und den über uns dräuenden Felsen hin und her. Doch der Meister ergänzte bekräftigend:

 "Nu, wennde saubr glämmst, gannsde ni fliegn!"

Andächtig, aber mit gewisser Skepsis, lauschte ich also dem großen Meister und Rissspezialisten, jenem Typus Mensch, den man angeblich in den sächsischen Sandsteinwäldern häufiger antrifft als irgendwo sonst auf der Welt und dessen Fähigkeiten ich für die Realisierung meines heutigen Vorhabens bitter nötig haben sollte: Wolfsspitze Felsensportweg! 1912 erstbegangen, VIIc, also bis vor kurzem noch die Grenze des Menschenmöglichen. Ein senkrechter Hand-, Faust- und Schulterriss leitet zu einem Ring in ca. 15 m Wandhöhe und verliert sich dann, eine aufsteilende Schlusshangel bildend, in einer glatten Platte.

"Für viele is die Hangel oben sowieso des schwärsde. Der Riss is Siebm Zäh - mit Bräddigahd."

 "Prädikat?"

Jörgs Augen verengten sich zu Schlitzen, während er gedankenverloren an den Feinrippausbeulungen kraulte: "Nu, Bräddigaht. Das heißd: du gannsd bis zum Bohdn fliegn..." Aha - ich war beruhigt.

Währenddessen rüsteten wir zum Streite: Das Seil wurde ausgerollt, die Ausrüstung sortiert und Jörg präsentierte mir stolz die entscheidende Knotenschlinge, einen gewaltigen Knubbel aus einem ausgeblichenen Schiffstau, das er vermutlich irgendwann in den Siebzigern einem Ostseefischer abgeluchst hatte. "Ohne Ginndrgopf brauchsde da ni einsteign.

„Der liescht obn im Hundebahnhof wie'n Hommr! Früher hab'sch da mol 'n Hälm gelägt, 'sging ooch!!"

Beim Anblick dieses Sicherungsmonstrums war für mich endgültig klar, dass das, was wir da heute vorhatten vermutlich nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun haben würde, was ich bisher unter Klettern verstanden hatte.

"Das soll halten?".

"Nunu, des häld! Außrdäm flieg'sch sowieso ni!"

Er deutete auf eine furchtbar überhängende Menschenfresserspalte an der Wolfsfalle schräg rechts über uns: "Da ohm, da mussde die schwärsde Ställe vorm Ring gläddrn, da lieschdn ganzes Seil als Gnohdnschlinge..."

"Na, da haben wir ja noch mal Glück gehabt, heute", sagte ich mit einem gekünstelten Lachen.

Doch dem sollte nicht so sein. Inzwischen war Jörg dabei, sich seine Rüstung anzuziehen: Eine durch zahlreiche Flicken mittlerweile zweilagig verstärkte Jeans, halbhohe Mariacher-Stiefel und eine Art Drillichjacke aus grobem, gräulich-grünem Stoff, die auch Mani Strubich in den Zwanzigern blendend gestanden hätte. Kurz: Er sah aus wie einer von diesen Wesen aus dem Däweritz-Bildband: Furchtlos, sehnig und ein wenig altmodisch. Während er sich als Krönung eine dünnlederberippte Radlerkappe Marke Täve Schur überstülpte, pries er die Funktionalität dieser exotischen Bekleidungsstücke - vor allem für Körperrisse. Ängstlich schaute ich an mir herunter und malte mir den Kontakt zwischen meiner in Radlerhose und Baumwoll-T-Shirt gehüllten Pfirsichhaut und dem rauen Sachsenbeton aus.

Hmm.

Bestimmt kann man das auch hangeln oder ausspreizen, belog ich mich. Nur Grottenolme klemmen sich da rein. Wer klettern kann, klettert so was auf Wand! Und schließlich ist das auch nur VIIc, also 6+, bemühte ich ein weiteres Milchmädchen. Während ich mir also noch etwas vormachte, hatte Jörg mittlerweile vom Sandboden abgehoben und klemmte sich, die Arme tief im Riss versenkend, die ersten Meter der Spalte hinauf, nicht ohne mich über die Vorteile der von ihm angewendeten Technik aufzuklären. Sah alles ganz einfach aus, eigentlich.

Dann der Hundebahnhof: Eine lochartige Verbreiterung des Risses, in dessen Dunkel ganz hinten das Fischkuttertau versenkt wurde - und weiter ging's. Der Riss weitete sich und in schulbuchmäßiger Rissarbeit schob sich mein Vorsteiger bedächtig und sicher Meter um Meter empor und hatte nach kaum zehn Minuten den Ring erreicht. "Aussischärn!" Blitzartig traf mich die Erkenntnis: Jetzt bin ich dran, es gilt! Mittlerweile hatte sich zu allem Überfluss eine ansehnliche Gruppe Spanner am Einstieg unserer Tour versammelt, die offensichtlich nicht allzu häufig gemacht wurde - das ließ man sich nicht entgehen. Erwartungsvoll blickten sie mich an.

Also, dann wollen wir diesen Sachsenheinis mal zeigen, wie man so was richtig klettert. Schön ausspreizen, stützen, Schwerpunkt verlagern, aufrichten, nachgreifen und - Scheiße! Ein erster spontaner Rückzug. Da sind tatsächlich keine Griffe. Habe ich da ein Grinsen bei den Spannern gesehen? Also, wie war das mit dem Klemmen? Hand tief in den Riss - erste Abschürfungen am Oberarm, Daumen vor die Handinnenfläche pressen, Füße hoch in den Riss stellen - Abschürfungen am Knöchel, und Hochdrücken. Aua! Ach ja: Die Hände dürfen sich dabei nicht im Riss bewegen - Abschürfungen am Handrücken. Also noch mal das ganze. Und was hatte ich gelesen: Ruhiges aber kaltblütig beherztes Handeln ist der Schlüssel zum Erfolg beim Rissklettern. Also nur nicht hetzen beim Schlottern! Als ich am Hundebahnhof ankam, sah ich bereits aus wie ein Stück Separatorenfleisch: Großflächig blutende Wunden an allen Extremitäten. Zudem schüttelte mich neben meinen Krämpfen auch eine erhebliche Krise über die Sinnhaftigkeit meines Tuns.

Wollte ich das wirklich? Was war das für ein Sport den ich da betrieb? Warum lieferte ich mich dieser Kartoffelreibe aus? Wieso grinsen diese Idioten da unten so hämisch? Während ich kurz davor war, meinen am Ring dösenden Sicherungsmann um Erbarmen zu bitten, erreichten mich genau von ebendem aufmunternde Worte:

"So, jätz wird's schwär. Jetzt zähld nur noch Däschnigg! Das gannse jätz endwädr auf Glabbrfaust gläddrn oder auf schmalen Schuldrriss!"

Durch meinen Kopf schossen Bilder aus Kletterlehrbüchern, wie man denn einen Schulterriss zu klettern habe. An was auch immer ich mich in diesem Moment erinnert haben mag: Ich machte es falsch. Ich presste mich so tief wie möglich in diesen Höllenschlund hinein und ruderte mit verzweifelten Bewegungen gegen die überall erbarmungslos an mir saugende Schwerkraft an, und das alles ohne auch nur einen Zentimeter Fels, der zumindest entfernt wie ein Griff oder Tritt aussah. Ich strampelte verzweifelt in diesem Ganzkörperschredder herum und verlor mehr Blut, als ich an Höhe gewann. Als ich vollkommen ausgepumpt am Ring ankam, fühlten sich wesentliche Teile meines Körpers an wie Hackfleisch - und sahen auch so aus. Mein Vorsteiger musterte mich mit einer Mischung aus Mitleid und Hohn:

"Nu, Rissgläddrn lieschd ni jähdm."

Ich lächelte gequält und versuchte, den Unterschied zwischen Rissklettern und "Frosch im Mixer" zu ergründen, fand jedoch keinen. Ängstlich beäugte ich die vor uns liegende Hangel. Meine Güte, das sah auch noch schwer aus! Jörg schwang sich gekonnt hinauf, und eher als mir lieb war ertönte sein Kommando vom Gipfel: "Gannsd losmachn!" Also machte ich los. Der Riss unten hatte mich zwar vollkommen leergesaugt, aber dafür hatte die Hangel auch leichter ausgesehen, als ich sie mir machte. Egal, hinauf. Hauptsache ich muss keinen meiner blutverschmierten Körperteile irgendwo mehr reinklemmen. Keuchend krümmte ich mich wenig später auf dem Gipfel. Ich zitterte am ganzen Körper. "Die spinnen, die Sachsen!" konnte ich noch japsen. Dann wurde mir schwarz vor Augen. Als ich wieder zu mir kam, blätterte Jörg seelenruhig im Gipfelbuch.

"Nu, da had eenr dän Glemm-Schbrung von Noinznsäschzn gemacht. Der griggt och bloß zwee Begähungn im Jahrzähnd!"

"Den was?"

"Dän Schbrung von dr Wolfsfalle diräggd hier aufm Gibbl!"

Ich schätzte die Distanz auf knapp fünf Meter. Mit einer Aufsprungfläche so groß wie ein Küchenhandtuch.

"Nu, Schbrünge worn immr schon ne Schbäzialidäd in Sachsn." Ich bezweifelte es nicht. "Und Bauschdälln!" fügte er rasch hinzu.

"Do driem gibbdsn ganz feinen underschdüddzdn Übrfall an dr Händschlschbiddze. Dän gönndn wr äbn noch machn."

"Nee, du!" rief ich rasch, "ich glaube das reicht für heute an sächsischen Spezialitäten!"

Was gelogen war. Denn gegen das Eibauer, das am Abend in der Buschmühle in erstaunlichen Mengen in mich hineinfloss, hatte ich nicht das Geringste einzuwenden. Ein paar Tage später erfuhr ich, dass Jörg kein Sachse, sondern Hesse war. Ich fühlte mich irgendwie betrogen.

Peter Brunnert

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