Ein schlechter Tag

Der Himmel des 4. Oktobers 2003 hatte in Sachsen einen schlechten Tag. Im Elbsandsteingebirge schien er förmlich über die Unvernunft der Menschen zu weinen, die unsere Bergwelt trotz allem besuchten.

Unterm Gipfel des Nordsterns hatten Freunde und ich ein Feuer entfacht, das aber aus dem Grill heraus keinen Widerschein an den Felswänden zeigte. Aber unsere Gesichter glühten; ein wenig vom Grillen und ein wenig vom Alkohol, vor allem aber vor Freude an unserem Tun. Die Bratwürste vom Grill dufteten bis zu den Touristen am Eingang zum oberen Teil der Häntzschelstiege hinüber. Den Ring der überhängenden Handrißroute „Adrspacher Impressionen“ durchlief ein Seil, mit dem gesichert jeder unserer Rißanstiegsfreunde zeigen mußte, was er drauf hat. Je eher der jeweilige Prüfling den Felskontakt verlor, desto größer war die Amplitude seines Pendelfluges .... direkt über dem Grill .... und desto lauter das Johlen seiner Gefährten.

Da mußte selbst der Himmel lächeln und hörte gegen Mittag mit seinem Dauerregen auf. An den Bau einer Seilbahn vom Kreuzturm zum Bloßstock, wie sie unser Programm ursprünglich vorsah, war aber nun nicht mehr zu denken. Also genehmigte ich mir die dritte Flasche Bier ... und immer, wenn er vorbeikam ... noch einen Schnaps aus Uwes Flachmann. So wurde zwar das Wetter langsam klarer, ich aber wohl eher nicht.

In diese Situation hinein schlug Jürgen vor zum Nonnengärtner zu gehen und eine Begehung des Nordrisses zu versuchen. Davon hatte ich seit Jahrzehnten geträumt, aber immer unter der Voraussetzung, die ausgiebige Baustelle am Einstieg zu umgehen. Zurückliegende Versuche links in der Wand einzusteigen und dann zum Riß zu queren scheiterten, zumal ich dies jeweils solo probierte. Schließlich kam mir die Idee im Nordweg anzusteigen, der eine enge Innenvariante des Nordrisses darstellt .... und aus diesem wieder zum Nordriß vorzukommen, um dessen 1.Ring zu klinken, der sich unmittelbar nach der ausgiebigen Unterstützungsstelle befindet. Aber mir war klar, daß man dazu die schmächtige Statur eines Knaben bräuchte, denn sonst wäre es wohl kaum möglich eine Rißerweiterung unter dem besagten Ring zu passieren. Und so suchte ich nach einem vielleicht zehnjährigen  Kind, das man dieserart mißbrauchen könnte. Als Nachsteiger käme man dann schon irgendwie außen nach oben.

Als wir nun hinunter zum Nonnengärtner tollten, hatten wir zwar keinen zehnjährigen Knaben, aber mit Jürgens 14-jährigem Sohn Carsten durchaus einen dementsprechenden Hänfling dabei. Jürgen meinte nur: „Wenn Carsten zum Ring kommt, mußt Du aber weiter vorsteigen!“ An sich hätte ich das natürlich ablehnen müssen. Erst früh hatte ich mir die Frage gestellt, ob ich mir mit 63 Jahren noch den AW auf den Kreuzturm trauen würde. An VIIc war also gar nicht zu denken, zu mindestens nicht im Vorstieg. Aber nein, der Alkohol hatte mir wohl das Hirn vernebelt ... und so nahm ich unter der Bedingung an, daß Jürgen die letzte Verschneidung nach dem Nordwandband führte.

Der Plan zur 1.Begehung des Nonnengärtner- Nordrisses (VIIc) „ohne Unterstützung“ stand. Aber keiner glaubte wohl wirklich daran, daß Carsten aus dem Nordweg heraus wieder im Nordriß auftauchen würde. Im Gegenteil man unkte sogar, daß er vielleicht zwischen den Wegen stecken bliebe und weder zurück noch vorwärts käme. Na, meinte jemand zu Jürgen: „Da mußte Du Dir eben einen neuen machen.“

Und so standen wir weiter mit der Bierflasche herum, um dann um so frenetischer zu jubeln als Carsten, der im Nordweg verschwunden war, mit seinem Kopf in der Rißerweiterung des Nordrisses unter dessen 1. Ring erschien. Und mit einem Mal steckte der ganze Kerl im Nordriß, ohne das ihn einer unterstützt hatte. „Klick“ machte der Karabiner .... und ich eher „Hick“, hatte ich doch noch einen Liter Tee getrunken, der etwa 20% Rum enthielt. Wie auch immer, Jürgen reichte mir grinsend die Kletterschuhe und kurz darauf hatten Carsten und ich am Ring die Plätze gewechselt.

Soweit ich mich erinnern kann, ging ich den Riß zum 2.Ring ohne zu zögern an und kam  auch schnell höher. Irgendwo legte ich eine Knotenschlinge, die aber nicht zu halten versprach, jedenfalls nicht so .... wie ich sie gelegt hatte. Schließlich stand ich kurz vor dem Ring an einer beschissenen Stelle, an der nichts mehr klemmte. Alle Versuche den Ring zu erreichen scheiterten zunächst; und jedes Mal kam ich nur mit Mühe und Not auf ein Querband zurück, auf dem ich leidlich stehen konnte. Es war zum Kotzen und genau so hörten sich auch mein Stöhnen und die unartikulierten Laute an, die ich zornschnaubend in den Riß orgelte. Angst hatte ich indessen keine, Alkohol macht ja Mut. Auch verschwendete ich keinen Gedanken an solche Dinge, wie ausgegebenes Seil und mögliche Sturzhöhe. Wohl aber die anderen. Sie hatten für den Sicherungsmann eine Gasse gebildet und griffen schon mit ins Seil, um gemeinsam zu rennen. Aber eigentlich war allen klar, daß sie mich, wenn die Schlinge nicht halten sollte, ..... eher ausgraben müßten. Irgendwie hörte ich sie erleichtert aufseufzen, als ich mich endlich zum Ring gemogelt hatte. Ohne Platz zu nehmen keuchte, schrubbte und stöhnte ich mich weiter nach oben. Keiner meiner Berggefährten hatte mich je so kämpfen gesehen und erlebt, daß meine stimmlichen Laute und Äußerungen völlig unkontrolliert waren, ... Urschreien gleich. Vollkommen fertig erreichte ich endlich das Nordwandband, um nach längerer Erholungspause Carsten, Jürgen und Falk nachzuholen. Die Abschlußverschneidung war für Jürgen Routine und für mich bot sie das Glücksgefühl ... wieder hinten am Seil zu sein.

Als uns Carsten die letzten Meter zum Gipfel führte, begann schon die Sonne zu sinken. Die Ruhe des Abends deckte den Mantel des Schweigens über unseren Weg .....

-         über Carstens 1.Begehung ohne Unterstützung,

-         über Jürgens sicher geführte Verschneidung

-         und über meine heiß erkämpfte Seillänge .....

alles in allem über die 6.Begehung des Nordrisses am Nonnengärtner.

Dunklen Schwingen gleich senkte sich beim Abseilen die Nacht über uns. Da war mir, als würde auch mein Schutzengel von dannen schweben. Wir hatten uns wohl alle einen ruhigen Abend verdient ...., an einem schlechten Tag, den wir einfach gut gestaltet hatten.

Peter Hähnel

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