Die Alten vom Berge 

(spaltenweise lesen)

Bedächtig steigen sie bergan,

verdorrt und ausgemergelt,    

so krank, daß keiner mehr arbeiten kann, 

nur am Felsen .... da wird noch gewerkelt.

 Man sucht dann gleich nach einem Riß,

um den zu überwinden;

denn vor den Wänden hat man Schiß

und will sich lieber schinden.

Da sieht man sie ständig gestikulier’n 

und in einem fort irgendwas sprechen, 

doch ich weiß aus Erfahrung ... sie diskutier’n

nur über des Alters Gebrechen.

Dann legt man Gummiknie‘e an

die Beine sich zu stützen

und Handprothesen dann und wann,

die auch die Griffel schützen.

Dann reißt einer plötzlich den Mund ganz weit auf,

doch nicht ... um nur herzhaft zu gähnen, 

da kommen ganz andere Töne heraus,

daß selbst die Hirsche sich schämen.

Und schließlich sieht man uns’re Alten,

als wären sie wer weiß wie jung,

... in irgendwelchen engen Spalten

und scheinbar ... voll Erinnerung.

Ein anderer läßt ... einem „Wind“... seinen Lauf,

da blähen sich förmlich die Hosen,

als zöge ein Gewitter auf 

mit grollendem Donnern und Tosen.  

Denn plötzlich fängt man an zu stöhnen

und stößt Orgasmusschreie aus,

als würde man sich selbst verwöhnen,

 weit weg vom ehelichen Haus.

Wie herzlich lacht der erste dann

mit fast verklärtem Blick 

der weilen läuft dem Hintermann 

die Brille an ... vor Glück. 

Dann kriechen sie auf allen Vieren

zum Gipfel droben überm Tal ....,

doch keiner braucht sich zu genieren;

Vielleicht war’s ja ... das letzte Mal.

Der dritte brabbelt immerzu

mit schnalzender, sabbernder Zunge,

er nahm „das Ding“ wie stets im Nu   

mal wieder voll auf Lunge.                           

Wenn sie wieder talwärts steigen,

hört man kaum ein lautes Wort.

Endlich kommen sie zum Schweigen,

sind in Gedanken ... ganz weit fort.

So wandern sie genießerisch

durch Felder und durch Wälder 

und jeder denkt ganz still für sich: 

„die andern wirken älter“.

Mit den Sinnen in der Jugend ...

als das Klettern einst begann,

bis es sie wie eine Tugend

fest und lebenslang umspann .

Und kommen sie zum Felsen rauf

kann es durchaus geschehen,

... ein jeder setzt die Brille auf, 

um irgendwas zu sehen. 

Und so lang sie atmen können

und die Glieder funktionieren

(nur eins vielleicht wird leicht mutieren)

werden sie zu allen Zeiten

bedächtig in die Felsen schreiten.

 

Peter Hähnel

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