Buschgespenster

In jenen Jahren, als ich im eigentlichen Sinne keine Arbeitszeit kannte, sondern mein Leben durch die Dienstpläne verschiedener Grenzkompanien im Raum Sächsische Schweiz bestimmt wurde, kam es des öfteren vor, dass ich zu Nachtbegehungen von Kletterwegen unterwegs war und dieses besondere Flair so intensiv genoß, dass mir diese nächtlichen Unternehmungen bis heute in Erinnerung blieben.

So entsinne ich mich gerne einer Begehung des „Hohen Risses“ am Falkenstein, die ich mit Bernd - einem Unteroffizier meiner Grenztruppe - bei herrlichstem Vollmond genießen konnte, obwohl wir erst gegen 24 Uhr eingestiegen waren.

Ein gleiches Erlebnis bot eine Nachtbegehung des „Neuberweges“ am Rauschenstein, wenn mir dazu auch eher der lange und ermüdende Rückweg von Schmilka nach Rathmannsdorf in Erinnerung blieb.

Besonders aufregend und schön war aber eine Besteigung der Großen Hunskirche über den „Querweg“. Um Mitternacht und bei Vollmond schienen wir mutterseelenallein zu sein und störten selbst an diesem Weg keine anderen Seilschaft. Schon kurz vor Ende der Geisterstunde saßen wir glücklich und beinahe andächtig flüsternd auf dem Gipfel, als plötzlich ein fröhliches oder vielleicht auch ängstliches Pfeifen unter den Wänden erklang. Ein einsamer Wanderer bahnte sich seinen Weg durch den Wald nach Gohrisch oder Papstdorf ... und pfiff sich ein Liedchen dazu. „Der hat Angst“ flüsterte Bernd, „sonst würde er nicht pfeifen“. Ein Blick genügte und wir fingen an, ... auf dem Bauch liegend und den Kopf über die Kante des Gipfels geschoben ..., markerschütternde Schreie und schrilles, teuflisches Gelächter von uns zu geben. Unten im Wald brachen Äste und Zweige und das Keuchen und Hasten des Mannes, der querfeldein durchs Unterholz brach, drang bis zu uns auf den Gipfel. Keine Frage, dass ich im Lauf der Jahrzehnte den „Querweg“ als solchen längst vergaß, aber wenn ich von unserem Wirken als „Buschgespenster“ berichte, so erhellt noch heute ein dämonisches Grinsen meine entgleisenden Gesichtszüge und läßt den einen oder anderen Zuhörer ... noch nachträglich erschauern.

Peter Hähnel

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