Abenteuer am Bloßstock

 Man schrieb das Jahr 1983. Genauer gesagt den 8. Oktober desselben.

Wir genossen das Studentenleben und hatten neben den üblichen Beschäftigungen Feiern und Schlafen auch ein wenig mit dem Klettern angefangen. Warum Klettern ? Nun, das ist eine andere Geschichte und hängt mit durchzechter Faschingsnacht, im Keller von Jürgen gefundenen Kletterführer aus den 50ern und einem gewissen Desinteresse am Vorlesungsbetrieb zusammen.

 Jedenfalls verfügten Thomas und ich über ein Seil (wie wir das in Prag erstanden, obwohl wir wenig Geld hatten und eigentlich nach Brünn wollten ist noch eine andere Story) und ein paar Karabiner. Die hatten wir gegen ein altes Hanfseil, das wir auch im Keller fanden, eingetauscht.

Über das Jahr hatten wir schon etliche Gipfelerfolge feiern können und fanden, daß es nun an der Zeit wäre, uns mal den Bloßstock vorzunehmen. Dazu verabredeten wir uns für eben diesen 8. Oktober mit Matthias, unserem Freund aus Hinterhermsdorf, der auch gerade mit dem Klettern begonnen hatte.

Wenn ich mich recht erinnere, war der 8. ein Sonnabend. Am 7. war ein DDR-Hurrafeiertag, den Thomas und ich in Rathen verbrachten. Dort lernten wir zwei nette Mädchen kennen, deren Namen ich jetzt leider nicht mehr weiß. Jedenfalls hatten beide auch gerade zur Kletterei gefunden und wir machten gemeinsam ein paar Wege in der Honigsteingegend. Logischerweise luden wir beide für den nächsten Tag zum Bloßstock ein.

Am 8. war eigentlich schönes Herbstwetter, aber auch starker Wind. Wir wollten uns erst gegen Mittag am Bloßstock treffen, weil Matthias noch etwas in Decin zu erledigen hatte. Als er zum Treffpunkt nicht erschien, machten wir uns also keine Gedanken, sondern bestiegen erstmal die Brosinnadel.

Gegen 14 Uhr kam Matthias dann doch noch. Er wollte von Hinterhermsdorf  mit seiner AWO nach Decin. An der Grenze waren die Genossen aber über sein Kennzeichen D sehr ungehalten (Matthias lehnte das übliche DDR-Kennzeichen ab und fuhr konsequent mit D). Jedenfalls haben ihn die zuständigen Organe lange aufgehalten – über die Grenze durfte er nicht und zum Tanken kam er auch nicht mehr.

Nun saßen wir 5 Anfänger (keiner wollte aber wahrhaben, daß er ein solcher war) in der Bloßstockscharte am Einstieg der Kühnschen Variante. Meinen Hinweis, daß es doch bald dunkel wird und wir uns vielleicht doch lieber den Brückenturm vorknöpfen sollten, hatte Matthias mit dem Satz „Das ist doch aber nicht der Bloßstock“

vom Tisch gefegt.  Die Querung um die Westwand bis zum Ring in der Nordwand verlief problemlos. Leider hatten wir nur 3 Seile mit, was die Nachsteigerei der letzten beiden etwas erschwerte.

Vom Ring stieg Matthias den Kamin bis kurz unter den Gipfel. Dort war das Seil zu Ende und er machte an einer dünnen Sanduhr Stand, holte Thomas nach und ging zum Gipfel. Dann kam das erste Mädchen dran. Ich weiß heute nicht mehr, wie wir die Seile eingeteilt hatten – jedenfalls hatte das erste Mädchen das letzte Seilende erwischt. Ich saß mit der zweiten Kirsche am Ring ohne jegliches Seil. Wir sollten dann von oben Seile herabgelassen bekommen. Langsam dunkelte es und der Wind wurde zunehmend stärker. Jedenfalls schlugen die Versuche, ein Seil runterzulassen wegen des Windes fehl. Der Strick flog jedes Mal weit an uns vorbei. Irgendwann erwischten wir das nun am Ende mit einem Gewicht versehene Seil doch noch. Da es bereits dunkel war und ich überhaupt keine Lust hatte die Prozedur zu wiederholen, banden wir uns beide in das Ende ein und stiegen gemeinsam nach. Oben angekommen – es war inzwischen stockfinster – der Wind stürmte zunehmend – arschkalt war es außerdem, sind wir gar nicht erst zum Gipfelbuch, sondern wollten nur noch schnell runter.

Nun hat der Bloßstock 3 Abseillängen, also auch 3 Abseilösen. Allerdings wußten wir nicht, wo die sind. Wir sahen ja nur eine und das war die oberste. Sicherheitshalber verbanden wir 2 Seile und versahen die Enden noch mit einem Knoten, damit in der Dunkelheit keiner über das Ende herausseilt. Dann warfen wir die Sache zu Tale. Das war natürlich wieder oberdoof, denn der Sturm trieb die Seile Richtung Ostwand, wo sie sich an irgendwelchen Platten dauerhaft verfingen. Nun hatten wir den Salat, aber noch ein Seil. Das banden wir nun mit einem Ende an die Abseilöse und Matthias seilte am Einfachseil in die Dunkelheit, wobei wir das andere Ende langsam nachgaben. Leider konnte Matthias die 2. Öse nicht finden. Deshalb band er sich irgendwo im Wenzelweg an einer Sanduhr fest, hatte aber keine Chance, die anderen beiden Seile zu bergen. Wir schlugen vor, daß er am Einfachseil bis zur Scharte abseilt. Da müßten wir von dort abklettern – bei Dunkelheit sicher auch nicht das Wahre, aber was sollten wir sonst tun ? Die Seile müßten wir dann auch am nächsten Tag zu holen versuchen.

Jedenfalls seilte Matthias weiter ab und plötzlich klimperte es an seinem Fuß. Aha – 2. Öse (war damals ein Ring). Gerettet. Einfachseil doppelt durchgezogen und Thomas hatte nun die Aufgabe aus der sicheren Abseile die beiden anderen Seile zu lösen und zu entfitzen, was nach endlosen Versuchen dann auch gelang. Ich hatte derweil die Aufgabe, die beiden Mädchen, die mit mir noch auf dem Gipfel saßen und vor Kälte klapperten zu trösten. Sie wollten jedenfalls dort oben sterben. Und das meinten sie auch ernst.

Jedenfalls waren die Nerven schon sehr strapaziert, daß selbst eine Seilmittenmarkierung noch für Schrecken sorgte. Wir hatten damals keine Abseilacht, sondern seilten im Dülfersitz ab. Ich hatte den Mädchen sicherheitshalber noch Prusikschlingen angelegt und eine blieb dann an der Seilmitte hängen.

Irgendwann waren wir letztlich doch zu fünft wieder in der Scharte – noch ein letztes Mal abseilen und das Abenteuer ist beendet.

Aber nur fast. Es war schon spät – es fuhren keine Busse und Bahnen mehr nach Schandau.

Aber wir hatten ja noch die AWO, jedoch kein Benzin. Im Lichtenhainer Wasserfall klingelten wir einen Bewohner raus, kauften ihm 5 Liter ab und betankten den Oldtimer. Dann fuhr Matthias viermal nach Schandau zum Bahnhof – jeweils ein Fahrgast und die anderen liefen schon mal los. Ich war der letzte und wurde ungefähr an der Ostrauer Mühle eingesammelt.

Wir erreichten gerade noch den letzten Zug nach Dresden. Matthias fuhr nach Hinterhermsdorf. Es war lange nach Mitternacht – mittlerweile schneite es. Wir waren heilfroh, daß wir kein Material am Bloßstock gelassen hatten. Am 9. Oktober bedeckte eine schöne Schneedecke die Gipfel, so daß eine Bergung der Seile sicher schwierig geworden wäre. Außerdem war der 9. ja mein Geburtstag und da hatte ich in Dresden mit Feiern zu tun.

Die Mädchen waren nie wieder mit uns klettern. Den Bloßstock habe ich später noch über Westwand und Nordwand besteigen können, wobei ich immer im Hellen wieder runterkam.

Jörg Teichert

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