Der „blutige Anfänger“

Es war im Juli 1982 und das zweite Jahr, in dem ich mehr oder minder regelmäßig klettern ging. Da ich von der Natur her nicht gerade ein Athlet bin (lang, aber dünn und dementsprechend wenig Kraft), fiel mir das Klettern während dieser Anfängerzeit nicht gerade leicht. Dazu kam noch das leidige Ausrüstungsproblem. Also zu dieser Zeit wollte ich gerne mal die Genießerspalte am Meurerturm nachsteigen. Ich hatte schon damals einige haarsträubende Dinge von diesem Weg gehört und diese Geschichten lockten natürlich. Also überredete ich meinen damaligen Vorsteiger und Kletterlehrmeister Manfred, mit mir an die Genießerspalte zu gehen. Ich hatte keine Kletterschuhe und die „Tramper“ waren für mich eigentlich mehr Straßenschuhe. Folglich kletterte ich barfuß. Und da stand ich nun barfuß und in Ermangelung eines Gurtes bloß ins Seil gebunden in der Scharte vor besagtem Kletterweg. Manfred fragte, ob ich denn wirklich diesen Weg ohne Schuhe klettern möchte. Selbstverständlich, man ist ja schließlich Sachse. Nachdem Manfred oben ankommen war, wurde ich nochmals gefragt, ob ich denn wirklich...? Aber ich wollte. Schließlich kletterte ja ein allseits bekannter sächsischer Erstbegeher auch schwierigste Wege barfuß. Nun gab es kein zurück mehr. Die Wandstufe war ja kein Problem, aber dann! Ein Fuß ist schließlich kein Schuh und das merkte ich ziemlich schnell. Die Schmerzen unterdrückt man ja immer etwas, aber das Blut war rot und deutlich sichtbar. Den Gipfel im wahrsten Sinne des Wortes erkämpft, konnte ich das ganze Unglück besehen. An den Fersen befand sich keine Haut mehr, nur noch eine einzige blutige Wunde. Die Zehen sahen nicht viel besser aus. Dafür sah man im Weg sehr schön meine Kampfesspuren. Die nächsten Genießerspaltenbegeher müssen gedacht haben, hier wollte sich jemand umbringen. Nachdem ich glücklich hinuntergedülfert war, kam ich nur noch mit viel Mühe in die Schuhe und humpelte nach Hause. Nach einem Monat waren die Wunden erst verheilt und ich konnte wieder klettern gehen. Da ging es zum Patienten, wo ich aus dem Dülfersitz flog. Aber das ist wieder eine neue Geschichte.

Steffen von den Rucksachsen

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